Ellen Schaller
Texte müssen weh tun
15 Jahre lang hat sie am Chemnitzer Kabarett auf uns "eingequasselt", uns zum Lachen gebracht, uns zum Nachdenken angeregt - in den verschiedensten Rollen.
Eine gelernte Schauspielerin aus Dresden. Und obwohl Ellen Schaller noch immer in der fernen Landeshauptstadt wohnt, dort ab und an am Hoppe-Theater spielt, haben wir sie in unser Herz geschlossen. Und sie Chemnitz.
BLITZ!: Kannst Du Dich noch an Deinen ersten Auftritt erinnern?
Ellen Schaller: Oh je! 1996, das Weihnachtsprogramm mit Zweigler und Ulbricht. Zur Premiere gab's einen Stromausfall. Die Herren wollten nett sein und den Schaden reparieren, haben mich allein im Dunkeln auf der Bühne zurückgelassen. Ich wurde sozusagen ins kalte Wasser geworfen und obwohl ich ja durch meinen Vater (Wolfgang Schaller, Intendant des Dresdner Kabaretts Herkuleskeule - d.A.) nicht gerade unvorbelastet bin: Ich war hilflos! Keine Ahnung, was ich erzählt habe, die Leute fanden es aber wohl witzig.
BLITZ!: Hast Du seitdem schon mal an Jobwechsel gedacht oder bist Du im Kabarett angekommen?
E.S.: Ich bin 100 Prozent angekommen, fühle mich wohl mit dem, was ich mache. Aber es gab viele Lern-Umwege. Am Anfang war vor allem das Schreiben von eigenen Texten eine Qual. Kabarett zu spielen, stand nicht auf meinem Wunschzettel. Und so richtig geplatzt ist der Knoten auch erst vor etwa vier Jahren - in einer Notsituation. Gerd und ich sind zehn Tage vor der Premiere in das Programm "Der Nächste bitte" eingesprungen und brauchten jeder zwei Solotexte. Da habe ich spontan E-Mails an Autoren im ganzen Land geschrieben, innerhalb von einem Tag lag ein Stapel Texte auf meinem Tisch. Für mich ein Aha-Effekt: Ich muss nicht jeden Text selber schreiben!
BLITZ!: Das klingt ein bisschen einfach ...
E.S.: Ist es aber nicht. Was am Ende fürs Publikum einfach aussehen soll, ist der lange Weg, Texte, Geschichten, Figuren zu meinem Eigenen zu machen, so, als würde ich das locker in diesem Moment erfinden.
BLITZ!: Wer schreibt für Dich?
E.S.: Vor allem mein Bruder Philipp, der auch für die Herkuleskeule und einige Solokabarettisten schreibt. Und Cornelia Molle, die große Teile des wunderbaren Programms "Senilcourage" geschrieben hat.
BLITZ!: Du spielst auf der Bühne ganz unterschiedliche Figuren. Welche am liebsten?
E.S.: Ich habe zwei Lieblingsfiguren - beide aus meinem Solo "Zu geil für diese Welt". Einmal wäre das die 90jährige Oma Gretl. Ich denke, Älterwerden ist ein großes Thema in unserer Gesellschaft. Es wird gern verdrängt, weil es für viele ein unangenehmes Thema ist. Die zweite Figur ist eine Lehrerin. Sie sagt: "Das deutsche Abitur konkurriert doch heute locker mit dem Abschluss der AOK-Rückenschule." Unser Bildungssystem - ein immer aktuelles Thema! Schüler werden in der fünften Klasse ans Gymnasium geprügelt. Man muss sich das mal überlegen: Mit elf, zwölf Jahren wird für die Kinder entschieden, wie ihr weiteres Leben verlaufen soll.
BLITZ!: Wie hat sich in 15 Jahren Dein Verhältnis zu oder Dein Blick auf Politik verändert? Man sagt, die Deutschen seien politikmüde geworden.
E.S.: Ich erkenne schneller Zusammenhänge, gucke mehr dahinter und ahne, wenn etwas nicht so stimmen kann, wie es Medien berichten. In mir ist jetzt ein gesundes Misstrauen - eben durch das intensive Beschäftigen mit Nachrichten. Und ein Interesse, tiefer ins Detail zu gehen. Ich wünsche mir, das den Leuten näher zu bringen. Vielleicht gehen dann zum Beispiel ein paar Leute doch wählen, obwohl sie eigentlich die Schnauze voll haben.
BLITZ!: Hand aufs Herz: Hast Du nach 15 Jahren Groupies?
E.S.: Natürlich haben wir Leute, die öfter kommen, die man sogar an ihrem Lachen erkennt. Es gibt da so einen älteren Herrn, der immer in die zweite Vorstellung eines neuen Programms kommt - also vielleicht zweimal pro Jahr. Er hat so ein markantes Lachen, dass er das komplette Publikum mitreißt. Da läuft die Vorstellung von ganz alleine.
BLITZ!: Was ist Dir heute lieber: Wenn Leute lachen oder ein Raunen durch die Reihen geht?
E.S.: Ein Text ist für mich erst dann gut, wenn er weh tut, wenn auch ich mich erwischt fühle. Das typische Raunen muss einfach dabei sein - ich liebe das. Aber danach muss auch wieder die Kost mit einem befreienden Lachen nach der Pointe kommen. Ich denke, man braucht beides.
BLITZ!: Wie sieht Deine Zukunft am Chemnitzer Kabarett aus?
E.S.: Wir haben vor kurzem einen zehnjährigen Mietvertrag für unseren Keller unterschrieben. Ich bin dabei!
BLITZ!: Dann viel Erfolg weiterhin und vielen Dank für das Interview.

