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Sie sind am Leben!


Das bange Warten hat ein Ende: Deutschlands wichtigste Popinstitution meldet sich mit einem neuen Album zurück. "Wir sind am Leben" heißt es durchaus programmatisch nach den Geschehnissen und Gerüchten der letzten Jahre. Die gleichnamige Singleauskopplung nebst wunder-schönem Video steht bereits auf Rosenstolz.de. Und da die Fans natürlich zuerst wissen wollen,
wie Liederschreiber Peter Plate seine Krankheit überwand, kam BLITZ!-Ausfrager Frodo Wawrzyniak im sehr entspannten Gespräch mit ihm auch direkt zur Sache.

BLITZ!: Ohne lange Vorrede: Wie hast Du es geschafft, aus Deiner Lebenskrise rauszukommen, die wohl existenziell war? Es gibt heute viele Burnout-Patienten - für die könnte das sehr wichtig sein.
Peter Plate: Oh. - Da muss ich mir erst mal 'nen Kaffee einschenken. Also ich will gleich zu Beginn relativieren: Ich kann und will auf gar keinen Fall irgendjemandem Ratschläge erteilen. Jeder muss da seinen eigenen Weg gehen. Der Begriff Burnout ist inzwischen auch zu einem Modewort geworden, unter dem alles Mögliche subsummiert wird. Ich würde bei mir vielleicht von einem "chronischen Erschöpfungszustand" sprechen - obwohl das natürlich auch scheußlich klingt.

BLITZ!: Chronisch? Es kam ganz plötzlich, wie es schien.
P.P.: Stimmt. Eigentlich wollten wir ja ohnehin mal wieder eine Pause machen. Doch dann geschah es ganz überraschend und heftig. Mitten in einer Tour, was mir heute noch sehr unangenehm ist. Für uns war eine Konzertabsage immer absolutes Tabu. Ich stand auch mit 40 Fieber auf der Bühne. Aber hier ging gar nichts mehr. Ein bodenloser Sturz in eine unendliche Traurigkeit. Kein Rauskommen. Nirgends.

BLITZ!: Wie bist Du am Ende rausgekommen?
P.P.: Du erwartest jetzt vielleicht irgendwelche Geheimtipps. Doch am Ende läuft es auf die übliche Klischeeaussagen hinaus: Du musst Dich am eigenen Schopfe da rausziehen, Dir die elementare Weisheit vergegenwärtigen, dass jede Krise ihre eigene Chance birgt. Neue Blickwinkel. Vor kurzem habe ich ein paar Tage Urlaub gemacht in einem Hotel. Ganze Großfamilien saßen an Tischen im Restaurant und neben jedem Einzelnen, Mutter, Vater, Kindern, lag ein Mobiltelefon. Jeder nahm es immer wieder in die Hand, um irgendwas zu checken. Miteinander haben sie nicht geredet. Es war nahezu beängstigend. - Ich weiß jetzt, wo der Stummschalter an meinem Handy ist. Ich habe mit einiger Verblüffung die Erfahrung gemacht, dass die Welt nicht untergegangen ist, obwohl ich meine Mails mal drei Tage nicht abgerufen habe. Ich werde das jetzt öfter so halten.

BLITZ!: Du beschreibst den Erfolg Deiner Selbsttherapie in dem Song "Energie", einer der schönsten des Albums: "Ich bleibe stark und ich weiß auch wie. Ich glaube an Energie!"
P.P.: Es stimmt schon, das mit der Energie. Doch, um ehrlich zu sein, diente dieses Lied gar nicht der Bewältigung einer Lebenskrise, sondern eher einer mittelschweren Zickigkeit. Ich hatte einfach eines Tages und nicht ganz grundlos die Nase komplett voll von allen Männern, mich selber eingeschlossen. Ein bitterböser Trotzanfall, wie er offenbar nicht nur kleine Kinder befällt, sondern auch Männer mit - damals - 43. Daraus ist dieses Lied entstanden.

BLITZ!: Okay, aber "Mein Leben im Aschenbecher" ist Krisenbewältigung. Mit Abstand und Ironie zwar, aber doch darauf bezogen. Oder?! Obwohl ich gestehen muss, dass ich, als ich den von Dir gesungenen Song zum ersten Mal hörte, leicht hämisch dachte: Mit der "Zigarette danach" hat er angefangen, nun beschreibt er sein "Leben im Aschenbecher"...
P.P.: Ja, das ist mir auch aufgefallen! Aber erst hinterher, als alles fertig war. Sicher hat das Lied auch mit der Bewältigung meiner Krise zu tun. Aber ganz wichtig ist das Wort Ironie dabei. Wir wollten definitiv kein Jammeralbum machen. Der Song ist in London entstanden, wohin ich ein Jahr lang gemeinsam mit meinem Keyboard abgehauen war. Der Anlass: Ich rauchte im Bett, der Ascher war voll wie oft, und irgendwann bin ich regelrecht reingefallen. So entstand die Zeile. Tut mir leid, dass ich nicht mit etwas Dramatischerem dienen kann.

BLITZ!: Wenigstens der längere London-Aufenthalt war ja Deinem Seelenkollaps geschuldet.
P.P.: Sicher. Ich habe dort wieder entdeckt, was mir mein ganzes Leben lang Stabilität verliehen hat: Seit ich zwölf oder 13 bin, schreibe ich Lieder. Hier verarbeite ich meine Erlebnisse und Emotionen, es ist wie ein Tagebuch. Genau das ist in der Karriere verlorengegangen. Komisch, eigentlich bin ich ja Musiker geworden, weil ich nicht so viel arbeiten wollte. Und dann fand ich mich plötzlich in den gnadenlosen Fängen eines Terminkalenders wieder. In gewissen Abständen sah dieser dann vor: Montag und Dienstag - Komponieren. Aber so funktioniert das bei mir nicht. In London habe ich mir wieder die Seele freischreiben können.

BLITZ!: Wie immer handeln Deine Lieder vor allem von Liebe und Freundschaft. Viele sind gemeinsam mit Deinem Ex Ulf Leo Sommer entstanden. Erklär mir mal, wie man kurz nach dem Bruch einer zwanzigjährigen großen Beziehung gemeinsam sensibel-zärtliche Liebeslieder schreiben kann.
P.P.: Hm. Das alles war und ist nicht ganz einfach. Ulf und ich sind nicht auseinander gerannt. Es gibt nach wie vor vieles, das uns verbindet. Nur das große "Wir sind Lover!"-Gefühl ist weg. Wir wollten das Ganze sehr erwachsen behandeln und uns nicht verlieren dabei. Es war ein durchaus schmerzhafter Prozess und manchmal auch ein Kampf. Wir haben zwar keine Kinder, aber es gibt eine Verantwortung für das Baby Rosenstolz, das zum großen Teil Ulfs Werk ist. Wir sind heute Nachbarn.

BLITZ!: Wer ist Scott Matthew, der dem Schlusslied "Beautiful" seine enorm charismatische Stimme lieh?
P.P.: Ein Musiker aus New York, ich bin ein enormer Fan von ihm. Die Rechte für die Songs seiner drei jüngsten Platten liegen in unserem kleinen Verlag. Der erste Teil des Liedes war einfach so unsagbar traurig, da musste ein versöhnlicher Schluss her. Dieses "Make it beautiful now" ist aus einem von Scotts Liedern.

BLITZ!: Mit "Irgendwo in Berlin" ist auch ein Liebeslied an die Stadt auf dem Album. Aber mal ehrlich: Könnt Ihr Euch überhaupt noch frei bewegen in der Stadt? Mir fällt diese unsägliche Geschichte ein, als Anna durch die Boulevardpresse gezerrt wurde, weil sie es gewagt hatte, in einer Kiezkneipe Bier aus der Flasche zu trinken.
P.P.: Ja, das war grenzwertig. Aber es ist ja trotzdem nur einmal passiert in 20 Jahren. Ja, wir bewegen uns frei in der Stadt. Wir sind ja auch nicht die einzigen hier, deren Gesichter ein wenig bekannter sind. Kein Problem!

BLITZ!: Das zauberhafte Video zum Titelsong zeigt erneut, dass Ihr eine ausgesprochene Affinität zum großen Kino habt ...
P.P.: Das Video haben wir eigentlich meiner Oma zu verdanken. Sie wird jetzt 90 und sagte kürzlich zu mir: "Wenn ich jetzt sterben müsste, könnte ich sagen: Mein Leben war nie langweilig." Dabei kam mir die Idee zu diesem Film, in dem ein ganzes, erfülltes Leben Revue passiert. Ich bin sehr froh, dass die von mir sehr verehrte Katrin Sass die Hauptrolle übernommen hat.

BLITZ!: Die schnellen Käufer der limitierten De-Luxe-Edition bekommen sogar einen Film, in dem sechs Stücke des Albums zu einem Mini-Musical vereinigt wurden. Etwa die Vorausschau auf kommende große Projekte?
P.P.: Ulf und ich denken ja schon länger über ein Musical nach. Aber das braucht eben viel Zeit, ich will auch keine Kompromisse eingehen - eigentlich sind wir dafür noch viel zu jung. Auch mit 44! Unsere eigentliche Welt ist der Off-Film. Wir hatte ganze zwei Drehtage für 40 Minuten. Im Team waren fast alle freiwillig, dafür mit um so größerer Leidenschaft dabei. Da stand eine ungeheure Energie im Raum. Genau das ist es, was ich gesucht habe. Für bombastische Breitwandproduktionen oder ein Glamour-Musical ist später immer noch Zeit!

BLITZ!: Wann gibt es Tournee, wo werdet Ihr spielen?
P.P.: Eine Tour haben wir noch gar nicht geplant. Wir gehen das ganz ruhig an. Die Zeit der großen Fünfjahrpläne ist gottlob vorbei!


Internet:

www.rosenstolz.de


Wort: FW/ Bild: Ferran Casanova