Dr. Winters Kolumne
Wälzen und Wühlen
Liebe Freunde, neuerdings, und das ist beim besten Willen alles andere als eine gute Nachricht, wälze ich mich nachts.
Ich habe mich nicht immer, nicht mein ganzes Leben lang nachts gewälzt, aber in letzter Zeit kann ich überhaupt nicht mehr aufhören, mich zu wälzen. Jede Nacht, sobald ich mich, in der Absicht, sofort einzuschlafen, der Länge nach auf meinem Bett ausgestreckt habe, überkommt mich das starke Bedürfnis, mich herumzuwälzen, und dann fängt es auch schon an. Ich beginne, mich nach rechts und links zu werfen und umgekehrt, ziehe die Bettdecke bis unter das Kinn hoch, schiebe sie aber sofort wieder ans Fußende zurück, um sie schließlich zwischen meine Kniescheiben zu pressen und danach als Knäuel in die dunkle Tiefe des Schlafzimmers zu torpedieren. Ohne Bettdecke, das hat die Erfahrung gezeigt, lässt es sich nämlich wesentlicher einfacher wälzen, so erleichtert es beispielsweise den kurzentschlossenen, spontanen Richtungswechsel, und es erhöht die Sprungkraft beim Umdrehen. Relativ häufig geschieht es auch, dass ich mein unaufhörliches Wälzen mit Wühlen variiere, dass ich mich den einen Augenblick wälze und schon im nächsten wühle. Das Wühlen besteht in dem Versuch, mich auf dem Bauch liegend und mit beiden Händen schaufelnd in die Matratze zu graben. Ich bin damit nicht sehr erfolgreich, arbeite mich lediglich millimeterweise voran. Trotzdem wühle ich unverdrossen weiter. Jedenfalls so lange, bis ich wieder anfange, mich zu wälzen. Tatsache ist, dass das Wälzen und Wühlen die Grundlage für mein nächtliches Nachdenken genannt werden kann, sich nicht im Bett zu wälzen hätte ja das sofortige Einschlafen zur Folge, wodurch das nächtliche Nachdenken verhindert werden würde. So aber denke ich, mich hin und her wälzend beziehungsweise wühlend mit einer ungesunden Intensität an das Flugverhalten von Zugvögeln bei Wirbelstürmen, daran, ob die Sicherheitsvorkehrungen der Stadtsparkasse tatsächlich unüberwindbar sind, oder an den Fortschritt der Sanierung des Kellergeschosses im ehemaligen Wehrkreiskommando. Gerade das sprunghafte, von einem Thema zum anderen wechselnde Nachdenken veranlasst mich, mich noch mehr zu wälzen. Oder zu wühlen. Je nachdem. Ich habe herausgefunden, dass ich mich beim Wälzen mit eher privaten Belangen beschäftige, beim Wühlen hingegen weltpolitische Themen bevorzuge. So ärgere ich mich beispielsweise beim Wälzen darüber, dass ich immer alles, was ich sage, durch heftiges Gestikulieren begleite, wodurch ich schon sehr oft vom Fahrrad gefallen bin oder mich mit der Gabel am Hinterkopf verletzt habe. Oder ich philosophiere darüber, wieso mir immer der linke Schuh besser passt als der rechte. Fragen dieser Art nehmen in der Nacht existenzielle Dimensionen an. Beim Wühlen feile ich an verschiedenen Gesetzentwürfen zur Besteuerung von Armut oder ich versuche mich im Texten von Nationalhymnen für Zwergstaaten. Wie, frage ich mich hin und her wälzend und auf und ab wühlend, könnte ich dem Gemeinwohl noch zuträglicher sein? Eine gute Seite besitzt mein nächtliches Wälzen übrigens auch: Tagsüber kann ich neuerdings sogar im Stehen schlafen! Euch allen ruhige Nächte wünschend verbleibe ich bis zum nächsten Mal
Euer Doktor Frohnhofer Sonnenmoser Winter

