Kudernatschs Kolumne
Im Zeichen der Zwiebel
Der Zwiebelmarkt in Weimar war in diesem Jahr ein voller Erfolg. Es nahmen 300.000 Menschen und 600.000.000 Zwiebeln daran teil. Die Teilnahme verlief friedlich - es kam von keiner Seite zu Ausschreitungen.
Auch die An- und Abreise der vielen Zwiebeln verlief reibungslos. Zwiebelsuppen, Zwiebelkuchen und Zwiebelaufläufe ergänzten sich bei der Durchführung hervorragend. Sie erfreuten sich an den durch Zwiebeln hervorgerufenen Klängen und auch an Lauch. Am Rande der Veranstaltung nahm Zwiebelkönigin Josefine R. VXI. erstmals Kontakt zu Knoblauch-Vertretern auf, was von vielen Gemüsebauern sehr begrüßt wurde. Einige kritisierten das Treffen. Sie hatten sich ein deutlicheres Signal für ein künftiges gemeinsames Vorgehen der Knollen versprochen.
Weimar zeigte sich zum Zwiebelmarkt bei herrlichem Zwiebelwetter in all seiner Pracht: An der Anna-Amalia-Bibliothek wurden nach sechsmonatiger Bauzeit zwei sehr ansprechende Zwiebeltürme fertiggestellt, die seitdem einen einmaligen Blickfang bilden. Die nahe Ilm wurde mit Zwiebelsaft aufgefüllt. Das einstige Kulturzentrum "Mon Ami" musste weichen, um einem überdimensionalen Zwiebelbeet Platz zu machen. Einer der geschmackvollsten Beiträge kam von der Bauhaus-Uni: Dank diverser Studien wurde dort ein neumodischer Zwiebelschäler entwickelt, der sehr gut aussieht, aber gar nicht funktioniert. Das tat der stolzen Präsentation - wie nicht anders zu erwarten - jedoch keinen Abbruch.
Maßgeblichen Anteil am guten Gelingen des Zwiebelmarktes hatte ohne Zweifel Weimars Oberbürgermeister Stefan Wolf. Am zweiten Abend der Veranstaltung soll er sich in einem überschwänglichen Moment in Stefan Zwiebel umgetauft haben. Das berichteten Betreiber eines Zwiebelschnapsstandes zu später Stunde. Der Stadtrat wird in Kürze darüber debattieren müssen, ob das Amt des Stadtoberhaupts passend dazu in Oberzwiebel umgewidmet wird. Dagegen spricht die amtliche Nähe zur Zwiebelkönigin, die - so die Jury - nicht für die größte Birne oder Rübe, sondern für die größte Zwiebel gekürt wird. Ihr Zwiebelfleisch und auch ihre Zwiebelzöpfe spielen bei der Wahl keine Rolle. Das sollte dem Stadtrat und Stefan Zwiebel zu denken geben.
Das begleitende Symposium im Schloss Belvedere stand in diesem Jahr unter dem Motto "Mit Zwiebeln in die Zukunft". Experten aus aller Welt diskutierten Themen wie: "Goldrausch und Silberzwiebel", "Darf man Knolle oder Bolle sagen?" und "Räumt Zwiebeljack wirklich auf?"
Heftige Diskussionen erfolgten nach dem Podiumsgespräch "Die Zwiebel und die Bibel" zur Zwiebeldichtung der Klassiker. Kann die Zeile "Was hat sieben Häute und beißt alle Leute?" Schiller oder Goethe zugeschrieben werden? Hatte Schiller Zwiebeln in der Schublade - und nicht, wie allgemein angenommen, Äpfel? Ein Vertreter aus Wien plädierte sogar für Kartoffeln - die in seinem Sprachraum "Erdäpfel" genannt werden. Man einigte sich darauf, dass die Küchenzwiebel eine der ältesten Kulturpflanzen der Menschheit ist und einen grandiosen Stand in der einstigen Kulturhauptstadt Europas hat.
Überschattet wurde der Zwiebelmarkt lediglich von den Einwürfen der Familie Z.M. aus Erfurt. Die Initialen stehen vermutlich für "Zwiebelmüller". Das ergaben Recherchen. Das Ehepaar Z. M. verbreitete lautstark an allen drei Markttagen die Ansicht, Erfurt stünde eher als Weimar ein Zwiebelmarkt dieser Größe zu. Immerhin würden in Erfurt viel mehr Zwiebeln angebaut - man denke nur an die vielen Blumenzwiebeln auf der ega.
Auch wenn Stefan Zwiebel für eine Stellung-nahme nicht zu erreichen war - Weimar fühlt sich durch diese Argumentation in keinerlei Zugzwang versetzt. "Das zwiebelt gar nicht", antworteten die Einwohner mehrheitlich in einer Umfrage, an der sich besonders häufig die auskunftsfreudigen Betreiber des bereits erwähnten Zwiebelschnapsstandes beteiligten. Tränen in die Augen treibe der Erfurter Vorstoß niemandem.
Vielmehr schlossen sich die meisten Befragten dem Motto des 2011er Symposiums an. Man freue sich bereits jetzt auf 2012 und besonders auf die ersten Frühlingszwiebeln - so das Fazit: "Mit Zwiebeln in die Zukunft".
Vorhergegangene Kolumnen von André Kudernatsch könnt Ihr im Buch "Das Beste an Erfurt ist die Autobahn nach Jena" nachlesen, das im Salier-Verlag erschienen ist.
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