Sibylle Grundeis
Intensive Gespräche
Wo wohnst Du?
Ich bin vor kurzem von Jena nach Erfurt gezogen.
Was bist Du von Beruf?
Was den Beruf angeht, bin ich eine gespaltene Seele. Ich habe mein Referendariat an einer Schule angefangen. Aber das Künstlerische lässt mich nicht los. Es begleitet mich immer.
Wo bist Du geboren, aufgewachsen, eventuell noch tätig gewesen?
Geboren bin ich in Jena. Meine Kindheit habe ich aber in Chemnitz verbracht, bevor wir dann auf ein Dorf dort in der Nähe gezogen sind.
Wie kamst Du zur Fotografie?
Ich kam nicht zur Fotografie. Sie kam zu mir. Ich habe sie zu Beginn nie bewusst gesucht, aber sie hat mich nicht losgelassen. Als ich meine erste Kamera geschenkt bekam, eine Pentax, hat es angefangen und von mir Besitz ergriffen.
Was fotografierst Du vor allem? Und warum?
Ich fotografiere fast ausschließlich Menschen. Sie sind so vielfältig und faszinierend, dass ich mich daran nicht sattsehen kann. Ich habe verschiedene Projekte gemacht. Für das Projekt "Bis unter die Haut" bin ich durch Deutschland gereist und habe Personen mit besonderen Tattoos und Piercings besucht, die ich übers Internet gefunden habe. Auf dieser Reise habe ich viele verschiedene Menschen kennengelernt. Alle waren freundlich und haben mich bekocht, mich übernachten lassen und mir bereitwillig ihre Geschichten erzählt. Aus dem Leben oder wie es zur Entstehung des Körperschmucks kam. Es war eine wunderbare Erfahrung! Durch die vielen Kontakte habe ich meine Scheu vor dem Fremden abgebaut und mich zu einem nächsten Schritt gewagt. Nach der Beobachtung des Körpers und der ästhetisch-dokumentarischen Sammlung verschiedenen Körperschmucks wollte ich nun die Haut selbst gestalten. Ich wollte aber keineswegs auf die übliche Körpermalerei zurückgreifen. Ich entschied mich für schwarze Acrylfarbe und harte Kontraste, ein Stilmittel, was ich auch gern bei meinen Porträts einsetze. Doch ich bin ein Künstler, der bei seiner Arbeit immer auch die Sinnfindung im Kopf hat. Daher habe ich nicht einfach irgendwas auf die Körper gemalt, sondern intensive Gespräche mit meinen Modellen geführt, über ihre positiven oder negativen Erlebnisse im Leben. Gemeinsam entstand so ein Motiv, welches in stundenlanger Arbeit von mir auf die Haut gebracht und anschließend in einem Shooting festgehalten wurde, bevor der- oder diejenige das Bild fast schon als symbolischen Akt von sich abgewaschen hat. Manchmal wurde ein zweites Motiv aufgebracht, in abgeänderter Form oder ein völlig neues. Der Prozess der innerlichen Verarbeitung des Erlebten spielte auf beiden Seiten eine Rolle. Aber fast noch wichtiger waren die Gespräche, während der Arbeit beziehungsweise das Schweigen und Spüren des Pinsels auf der Haut.
Welche fotografischen Ziele hast Du?
Ich möchte in den Menschen etwas finden. Was genau das ist, kann ich nicht sagen. Ich sehe Menschen gern in die Augen, beobachte den Mund beim Reden oder die Art, wie sich jemand das Haar um die Schulter legt. Manche irritiert das. Doch ich finde es einfach schön. Ich beobachte oft und sehe hin und wieder eine Art von Schönheit, die sich nicht festhalten lässt. Aber ich versuche es, indem ich beim Fotografieren nah an die Menschen herangehe. Es ist ein Fokus auf das - für mich - Wesentliche.
Was machst Du in Deiner Freizeit?
Nebenbei zeichne ich viel. Meistens Eindrücke beziehungsweise Orte, die mich berühren. Da bin ich sehr perfektionistisch. Ich tauche dann völlig ab und vergesse beim Zeichnen die Welt um mich herum. Als ich auf der Straße der Romanik herumgereist bin, war ich allein unterwegs, nur mit einer fetten Kiste voll Essen und meinem Zeichenzeug. Eine Woche lang habe ich nur gezeichnet und mich in die alten romanischen Gebäude hineingedacht. Ich habe versucht, mich von meinem Perfektionismus zu lösen, aber er gehört einfach zu mir.

