www.mobook.de

Kudernatschs Kolumne

Geh, schenk nochmal ein!


Jedes Jahr in der Adventszeit schaut mich meine Liebste mit großen Augen an und fragt: "Wollen wir uns in diesem Jahr mal nichts zu Weihnachten schenken?" "Nein", sage ich jedes Mal, "das geht nicht!" Und jedes Jahr erschrecke ich mich, wenn Brenda diese Frage stellt.

Denn ich habe schon eine umfangreiche Liste zusammengestellt - mit all den schönen Dingen, die ich mir wünsche und ich mir schenken lassen möchte. In dieser Liste steckt viel Arbeit, ich habe sehr viel Zeit in diese Zusammenstellung gesteckt. Seit September habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, welche Bücher, CDs und Filme in Frage kommen. Außerdem habe ich ausgetüftelt, welches Geschenk zu wem passt, wer mir also womit eine Freude macht - oder sich selbst, weil gerade er mir so etwas Tolles überreicht. Das ist ziemlich kompliziert. Die falsche Wahl kann jedenfalls verhängnisvoll sein.
Wer könnte mir zum Beispiel diese alte, lässige CD von Canned Heat schenken - die Schwiegermutter, die sowieso nichts mehr hört, oder die hippe Schwester, die diese Musik als harmlosen Oldie-Mist abtut und mich nach der Bescherung pausenlos damit aufziehen würde. Das wäre grässlich!
Kann man sich den Film "Alien Apocalypse" wirklich von seinen Eltern wünschen - oder machen die sich da gleich Sorgen und rufen einen Arzt? Oder schütteln sie vorwurfsvoll die Köpfe und sagen: "Wirst Du denn nie erwachsen?" Dann ärgere ich mich, und das Weihnachtsfest ist verdorben.
Wenn ich von Brenda wiederum das Buch "Deadwood", einen Western, haben möchte, zieht sie eine Schnute und stellt Fragen wie: "Willst Du nicht mal etwas Richtiges lesen?" Oder: "Muss das sein?" Vielleicht auch: "Hast Du keinen besseren Wunsch?"
Von daher will die Aufstellung der möglichen Schenker durch den zu Beschenkenden sehr gut überlegt sein. Zum Beispiel könnte die Schwiegermutter "Deadwood" übernehmen - das würde passen und nicht weiter auffallen. Die Schwester würde "Alien Apocalypse" überreichen und das voll cool finden und für die Eltern bliebe die CD von Canned Heat. Die ist nicht mehr neu und darum sehr preiswert. Also bliebe noch Spielraum für ein weiteres Geschenk von der Liste. So einen Bonus sollte man immer im Auge behalten!
Damit nix schiefgeht, mailt man den möglichen Schenkern im Anschluss am besten den Link zu, wo das Geschenk im Internet zu bestellen ist. Oder man kauft es gleich selbst und steckt es ihnen dann bei einem Besuch in der Vorweihnachtszeit verstohlen zu - mit einem nicht ganz so eleganten Geldtransfer im dunklen Hausflur - um das ausgehändigte Geschenk zum Fest dann zurückzuerhalten.
Bestimmt haben einige gemerkt, dass Brenda in der Aufstellung meiner Schenker bislang nicht aufgetaucht ist. Das hat einen Grund. Von Brenda wünsche ich mir nämlich immer etwas, was gar nicht auf der Liste steht. Das überrascht sie - und sie liebt Überraschungen.
Ich wünsche mir also einen Nasenhaarschneider. Das haut sie um! Damit rechnet sie nicht - und es signalisiert: Aha, mein Partner hat erkannt, was mich leicht an ihm stört - und er arbeitet an dem Problem. Und schon stört es gar nicht mehr, selbst wenn der Schneider gar nicht da ist. Herrlich!
Weil ich so aufmerksam und sensibel bin, bekomme ich von Brenda dann ein besonders großes Geschenk - von meiner Liste! Das beste Stück, den Knaller, den wahren Höhepunkt. Etwas, das sogar richtig teuer ist! Was das in diesem Jahr ist, kann ich leider nicht verraten. Sonst weiß sie es ja - und dann funktioniert das natürlich nicht.
Ich will also unbedingt, dass wir uns etwas schenken. Ich habe schon so viel in das Schenken investiert, einen perfekten Plan aufgestellt und mir sogar einen super Schein-Wunsch für Brenda ausgedacht. Außerdem: Was soll ich sonst mit der Kette machen, die ich Brenda im Urlaub gekauft habe?
Da stand sie immer vor diesem Laden und schwärmte: "Oh, sieh doch mal, diese Kette!" Und immer antwortete ich: "Jaja!" Bis die Kette eines Tages nicht mehr da war, was Brenda sehr, sehr traurig machte: "Siehst Du, jetzt ist sie weg!" Ja, weil ich sie zwischendurch gekauft hatte. "Ach, so schön war das Ding gar nicht", spielte ich die Sache runter - und Brenda funkelte mich böse an. Und war so enttäuscht, dass ich ihr eine andere Kette kaufen musste.
Nun bekommt sie also zu Weihnachten eine zweite Kette - und kann die Ketten dann immer abwechselnd tragen. Eine am ersten Feiertag, die andere am zweiten. Das möchte ich mir nicht entgehen lassen. Das nehme ich in Kauf, denn mit jeder Kette sieht Brenda wunderschön aus. Im schummrigen Kerzenlicht erst recht!
Ich hoffe, sie ist nicht böse, weil ich all das verraten habe. Ich wünsche mir - neben den Dingen von meiner Liste - dass Brenda mir verzeiht. Ja, ich gebe es zu: Ich habe ein bisschen Angst, dass sie es nicht tut. Nachts in meinen Träumen höre ich schon das leise Brummen des Nasenhaarschneiders!

Vorhergegangene Kolumnen von André Kudernatsch könnt Ihr im Buch "Das Beste an Erfurt ist die Autobahn nach Jena" nachlesen, das im Salier-Verlag erschienen ist.

www.kudi.de •  www.salierverlag.de


Wort: André Kudernatsch / Bild: ELC