Johann Janus' Kolumne
Club Mate zum Mitnehmen
Johann Janus, gebürtiger Hallunke, ist auf der Suche nach dem nächsten Trend und seiner personalen Integrität.
Stroboskop-Licht zuckt zwischen Hornbrillen und Seitenscheiteln durch den elektro-getränkten Raum. Julia steht irgendwo am anderen Ende, flirtet mit dem DJ und scheint sich nicht mehr wirklich zu erinnern, dass wir zusammen hergekommen sind - besser: dass sie mich mitgeschleppt hat. Ins Neuwerk. Was mache ich hier, frage ich mich, und bekomme unverzüglich eine Antwort vom coolen Justus Jonas in meinem Kopf: Party. Wirklich Johann, sei nicht so spießig, meint er, zieht selbigem ein imaginäres iPad 2 über den Schädel und bringt eine Lebenseinstellung in mir hervor, von der ich nicht glaubte, sie gehabt zu haben - die mich aber perfekt in meine Umgebung eingliedert, als wäre ich ein Chamäleon.
Torben Turbo kommt von der Bar zurück und hält mir eine Club Mate hin. Sprechen erübrigt sich: a) versteht man bei der Lautstärke wenig, b) sind wir jetzt zu cool dafür. Die Mate schmeckt nicht, hat mir nie geschmeckt, aber jeder trinkt Mate. Und wer keine Club Mate trinkt, trinkt Vodka Club Mate. Oder Frizz-Cola.
"Eeey, bei mir im Flur gegenüber sind jetzt auch so Schwaben eingezogen", lästert Torben Turbo, als der Elektrotrack in seinen obligatorischen Break fällt. "Echt, Mann?" - "Ja, hey, das sind total die Spießer, und neulich bei unserer WG-Party haben sie schon um elf die Polizei geholt." Immer diese Schwaben. Die sind in letzter Zeit auch überall, seit es im Prenzlberg nicht mehr underground genug ist. "Weißt du noch, Justus Jonas, vor zwei Jahren war es noch wirklich was Besonderes da oben." Wir studierten damals in Berlin, irgendwas mit Medien oder Kunst, ich bin mir nicht mehr so recht sicher. "Turbo, was haben wir da nochmal studiert?", frage ich und nippe an meiner Club Mate. "Irgendwas mit Medien", meint er. Dann wurde alles Mainstream in Berlin und wir zogen ins Giebichensteinviertel. Halle ist das neue Berlin.
Die iTunes-Playlist des DJs wechselt zu einem Remix von Moneyboys "Dreh den Swag auf". Elektro natürlich. Das ist mindestens so ironisch wie sein Micky-Maus-Shirt und damit verdammt im Trend. Er tippt ein wenig an seinem Macbook Pro herum (dessen Apfel-Logo durch einen Aufkleber des Frittenbude-Albums "Bilder von Katzen" hindurchscheint), als sei die Playlist nicht schon gestern abend zusammengestellt worden. Die Burgstudenten um uns herum machen Hipster Heavy Metal: Minimal mit dem Kopf wippen, durch die Hornbrille nach schräg unten blickend, in der linken Hand die Club Mate und die rechte mit dem Metal-Zeichen nach oben gestreckt. Nicht zu weit natürlich, das wäre billig. Ich werde von einem Typen mit einer Russen-Tschapka angerempelt - das findet der vermutlich wahnsinnig individuell - und gucke augenverdrehend genervt zu Torben Turbo. Nicht wegen der Mütze, die ist wahnsinnig individuell, sondern wegen des Anrempelns. Er guckt gelangweilt zurück, aber das heißt nichts, denn wer hier nicht gelangweilt guckt, hat die falschen Drogen genommen.
Wir gehen zurück an die Bar, um uns eine neue Club Mate zu holen. Julia steht gleichgültig neben einem Kerl in Urban-Outfitters-Sweater, Röhrenjeans und mit Piratenpartei-Aufnäher auf dem Jutebeutel und nestelt an ihrer übergroßen Hornbrille herum. Ich werfe ihr einen fragenden Blick zu und nicke in seine Richtung. Sie schüttelt angewidert den Kopf, neigt sich zu mir und meint: "Nee, mit so 'nem Hipster fang ich doch echt nichts an." Ich zucke gleichgültig die Schultern, und sie verabschiedet sich in Richtung Toilette. Der Pirat guckt zu mir rüber und fragt, ob ich sie kenne. "Meine Mitbewohnerin", antworte ich, "wieso, stehst auf sie?" Er guckt betont abwesend und meint: "Das ist doch voll das Hipster-Mädchen."
Der Barkeeper eröffnet Torben Turbo und mir, dass es keine Mate mehr gibt. Wir nehmen Frizz-Cola. "Das erinnert mich voll an diesen französischen Film, den ich neulich im Lux am Zoo gesehen hab", sagt Turbo. Ich frage, wie der Film hieß, aber er erinnert sich nur noch an den Regisseur Claude Chabrot. "Gibt's auch im Format. Gleich im dritten Regal ganz vorne." Ich mache mir einen Vermerk im iPhone 4S, einen Independent-Film-Vorschlag von Torben Turbo sollte man nie verschmähen. Und wenn es erst mal in meinem iPhone ist, erinnere ich mich womöglich auch unter dem Einfluss anderer Persönlichkeiten in meinem Kopf daran - denn so schön es war, gleichgültig mit Club Mate den Hipster Heavy Metal zu tanzen, wird es jetzt gegen vier Uhr morgens doch ein wenig langweilig. Und immer gelangweilt zu gucken, kann auch ganz schön anstrengend sein. Ich lechze geradezu nach ein wenig ironiefreier Aktivität. Vielleicht gehe ich sogar so weit und esse einen profanen Chickenburger statt des Saitan-Tomate-Bergkäse-Burgers im La Karot.
Geh doch erstmal einen Double Mocca Cappuccino Walnut Caramell trinken, lockt der Johann Janus in mir den hippen Justus Jonas erfolgreich in die finsteren Räume meines Hinterbewusstseins. Du hast es Dir verdient.

