Johann Janus' Kolumne
Stadt der Affen
Johann Janus, gebürtiger Hallunke, formt sich seine schöne neue Welt und einen Charakter.
Es gibt einige wirklich schlimme Dinge auf der Welt: Krieg, Hunger, Armut, Umweltkatastrophen, Dieter Bohlen ... Aber eine wirkliche Plage der Menschheit, stelle ich fest, während ich im "Bewaffel dich" auf meine Krokant-Honig-Waffel warte, sind Kinder. Eins davon krabbelt gerade durch den sich in der Kleidung festsetzenden Waffelgeruch auf dem Boden herum und nervt.
"Aber Kinder? Kinder sind doch furchtbar süß", meint Torben. Und ich bin mir nicht sicher, ob seine Wahrnehmungsfähigkeit eher durch Leonie-Mareike oder durch den Waffeldunst so verschleiert ist.
"Nee, nicht so süße Kinder, die einfach nur dastehen und große Augen haben. So Arschlochkinder", erkläre ich. Die schreien, kacken und Power-Ranger-Spielfiguren haben wollen. Während ich mir das auf dem Boden krabbelnde Blag ansehe, festigt sich in mir eine Erkenntnis: Menschen sind das nicht. Was zeichnet denn einen Menschen aus?
Erstens: Er läuft auf zwei Beinen. Nun ja. Muss ich noch mal auf das krabbelnde Etwas dort hinweisen? Zweitens: Er kann mit Rädern umgehen. Wenn das bedeutet, in einem Wägelchen mit Rädern umhergeschoben zu werden, dann ja - aber ansonsten nicht wirklich. Drittens: Er beherrscht das Feuer. Ha! Kinder erkennen ja nicht mal eine heiße Herdplatte! Viertens: Er kann sprechen. Auch da hilft mir das Beispiel zu meinen Füßen, das wild irgendwelche unverständlichen Phone aneinander brabbelt. Wie zur Untermalung meiner These deutet es gerade auf die Waffelladen-Bedienung und sagt "Ballabü!". Der Zusammenhang zwischen diesem Ausdruck und entweder der Bedienung oder der Waffel in ihrer Hand ergibt sich ja nun nicht gerade von selbst. Fünftens: Ein Mensch hat Daumen. Okay, hat das Kind auch. Fair enough. Ich muss mich korrigieren, Kinder sind quasi Ein-Fünftel-Menschen. Aber ein Fünftel! Dafür verschwenden wir so viel Zeit mit der Aufzucht?
Torben sieht von seiner Paprika-Fetuccini-Waffel auf und wendet ein: "Okay, aber was ist mit dem Fortbestand der Menschheit, Johann? Ich meine, die werden ja auch mal irgendwann Menschen!" Stimmt! Aaaaber: Affen werden auch mal Menschen. Das ist historisch bewiesen. Alles eine Frage der Zeit.
Warum erziehen wir eigentlich nicht einfach Affen statt Kinder? Das wär doch viel einfacher, formt sich in meinem Kopf das Bild einer besseren Zukunft. Und als wir unsere Waffeln aufgegessen haben und aus dem warmen Waffeldunst auf die Straße hinaustreten, präsentiert sich dem Torben Taylor und John Landon in meinem Kopf eine schöne neue Welt, strahlender Sonnenschein und nur glückliche Menschen.
Torben Taylor schaut ein wenig überrascht, als eine junge Frau mit einem Bonobokind an der Hand an uns vorbeiläuft. Ich erkläre ihm die nach meinen Wünschen geformte Gesellschaft, es gibt ein Drei-Stufen-System: Die ganzen lästigen Dinge mit der Geburt und dem Stadium, in dem auch Affenbabies nur schreien und kacken erledigt die Affenmama. Dann werden die Affenkinder zur Basissozialisation in menschliche Familien gegeben, damit Menschen nicht irgendwann wieder auf die Idee kommen, Menschenkinder zu zeugen, bloß um eine Zeit lang diese süßen großen Augen angucken zu können. Und dann kommen die ausgewachsenen Affen in die zu Produktions- und Konsumstätten umfunktionierten Städte. Magdeburg. Die Menschen leben unterdessen in übersichtlichen Kulturkommunen wie Halle, um dort das Leben zu genießen.
Gute Konsumenten sind die Affen auch, wie man feststellte, nachdem man kleine Musikabspielgeräte mit jeweils einer angebissenen Banane in Magdeburger Geschäften ausstellte, die selbstverständlich in den benachbarten Fabriken von den gleichen Affen zuvor produziert worden waren. Und während wir Menschen in ambitionierten Kulturveranstaltungen im Neuen Theater, auf Poetry Slams oder in der Oper sitzen, können die Affen sich sogar selbst bespaßen: Es wird wohl niemand anzweifeln, dass ein Schimpanse das nicht besser könnte als beispielsweise Mario Barth.
Auch konnten wir mit dem Aufbau dieser neuen Gesellschaft einige frühere Fehler vermeiden: Affen leben nun streng vegetarisch, und statt Autos haben wir bei ihnen Fahrräder zum Statussymbol gemacht. Pimp my Fahrrad wurde neu aufgelegt. Das ist toll für die Umwelt.
Wir gehen über den von nur einem einzigen, die Treppen fegenden Orang-Utan bevölkerten Uniplatz. "John, es ist Dienstagmittag. Wo sind die Studenten? Müssten jetzt nicht die circa 600 Wirtschaftswissenschaftler aus ihren Vorlesungen im Audimax kommen?", fragt Torben Taylor mit einem dystopischen Unbehagen in der Stimme.
Ich zupfe an meiner Unterlippe. "Naja, du weißt ja, Sachen konsequent durchdenken war noch nie meine Stärke. Nach knapp 20 Jahren hat sich die Idee mit dem Verzicht auf Menschenkinder eben nicht mehr nur in hallischen Kindergärten gezeigt."
"Das ist ja scheiße", kommentiert Torben Taylor, und ich muss ihm recht geben. Und während der Johann Janus den kreischenden John Landon in einen Käfig für Hirnexperimente sperrt, verändert sich Halle vor meinen Augen zurück in die graue Diva, die wir so lieben. "Nimm deine dreckigen Pfoten von mir, du blöder Janus! Es war doch deine Idee!", krakeelt John Landon. Ja, aber weißt du, konsequent durchdenken war noch nie meine Stärke, zitiere ich ihn. Und als so eine süße kleine Leonie-Mareike hinter einem Hund über die Uniwiese tollt, schließe ich Landons Käfig zu und nicke, Torben anstupsend, in ihre Richtung. "Guck mal wie süß."

