Oregon
Einsame Leuchtürme über bizarren Küsten
Als die Gletscher der letzten Eiszeit zurückwichen, drang der Ozean
vor und formte aus vulkanischem Felsgestein die Küste Oregons.
Immergrüne Wälder aus Fichten, Kiefern, Zedern und Tannen klammern
sich an die zerklüfteten Felswände. Tief unten treibt ausgeblichenes
Treibholz als Zeugnis eines nie endenden Kampfes der Natur.
Kalifornienbesucher kennen den berühmten Highway 101 vom Abschnitt
zwischen Los Angeles und San Francisco her. In dessen nördlicher
Verlängerung erschließt er den einzigartigen Küstenstreifen von
Oregon. Fast eine Art Geheimtipp, denn nur wenige zieht es
tatsächlich über die Golden Gate Bridge hinaus gen Norden. Alsbald
hinter der Millionenagglomeration verjüngt sich der Highway von acht
auf zwei Spuren. Ein alter bundesdeutscher Schlager trällert: "Auf
der Straße nach Mendocino …" In dem kalifornischen Künstlerort
selbst ist die Schnulze allerdings völlig unbekannt. Ein Volunteer
in der lokalen Tourist Information konnte sich immerhin an den
Hinweis eines deutschen Reisenden erinnern. Hoch auf einer Klippe
über dem Pazifik gelegen, diente das pittoreske Mendocino als
Filmkulisse für zahlreiche Hollywood-Produktionen, unter amderem mit
James Dean.
Je weiter der Weg nach Norden führt, desto ursprünglicher wird die
Natur: Farmland, Nationalparks mit Mammutbäumen und Regenwäldern
sowie einsame Leuchttürme auf Felsklippen. Selbst die westwärts
gerichteten Parkplätze an den Sunset-Boulevards werden seltener.
Abends, wenn irgendwo weit hinter den Inseln und Felsklippen die
Sonne im Pazifik verschwindet, trifft sich dort die Jugend.
Natürlich ganz auf amerikanische Art: In der Hand riesige Colabecher
und eine fette Tüte mit Burgern, sitzen die Pärchen bei laufendem
Motor und Klimaanlage im altersschwachen Ford und träumen im
Abendrot.
Ein unscheinbares Schild weist auf das Städtchen Ferndale hin. Vor
hundert Jahren galt es noch als Zentrum der prosperierenden
Landwirtschaft. Die Weltwirtschaftskrise hängte den Ort von
jeglicher Entwicklung ab. Zurück blieb die Hauptstraße mit dem
"Victorian Inn" als lebendigem Museum. Wie heißt es doch: Armut ist
die beste Denkmalpflege! Die prachtvollen Fassaden haben wohl noch
den Goldrausch des 19. Jahrhunderts erlebt. Verließ da nicht eben
noch der letzte Postkutscher die Station?
Der Highway windet sich in atemberaubenden Kurven und Abfahrten die
Felsenküste von Oregon entlang. Tief unten laden Strände zum Surfen,
Muschelsuchen oder Reiten ein. Doch halt, die blauen Schilder
"Tsunami Hazard Zone" mahnen - der Pazifik kann auch anders! Riesige
Sanddünen zeigen die Kraft der Stürme, die nach dem farbenprächtigen
Altweibersommer im Spätherbst über Oregon hereinbrechen. Das
mächtige Wrack des Viermastschoners "Peter Iredale" schaukelt schon
seit 1906 vor Fort Stevens in den Klippen. So sind Leuchttürme für
die heimtückische Felsenküste von Oregon alles andere als nur eine
Zierde. Felsen, gefährliche Strömungen und herbstliche Orkane ließen
die Bilderbuchküste zum Grab zahlreicher Seefahrer werden.
Ganz anders das Seebad Cannon Beach: Hier stellen Bildhauer ihre
Arbeiten aus, sommerliche Theateraufführungen ziehen die Urlauber in
den Bann, die wiederum ihre Kreativität im Sandburgen-Wettbewerb
beweisen. Oregons Küste lebt heute neben dem Fischfang und der
Fischverarbeitung vor allem vom Tourismus. Unweit des
Heceta-Leuchtturms entstanden an einem besonders wilden Abschnitt
der Küste die Sea Lion Caves. Über einen Fahrstuhl gelangt der
Besucher in die Tiefe: In einer 500 Meter lange Höhle tummeln sich,
von der blitzenden Kameras nahezu ungerührt, riesige Gruppen von
Seelöwen. Weit draußen auf dem Meer sind Grauwale zu sichten, die
Felsklippen selbst bieten Brutkolonien von Seevögeln aller Art
Unterschlupf.
Auf dem Rough River, der zu den zehn schönsten und wildesten Flüssen
der USA gezählt wird, werden Abenteuerfahrten ins Inland mit
Jetbooten angepriesen. Der "Kurztrip" führt von Gold Beach 50
Kilometer flussauf nach Agnes. Hartgesottene werden sich vielleicht
für den Nervenkitzel auf den 165 Kilometer entfernten Stromschnellen
von Blossom Bar entscheiden. Naturschutz in den Staaten ist eben
immer ein bisschen anders ...
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