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Mario Thiel

Mario Thiel

Vorsicht, Thiel!

Meinungsfreiheit


In diesem Jahr feiern wir hier im Osten 30 Jahre Meinungsfreiheit, neben der Presse- und Reisefreiheit ein untrügliches Merkmal von Demokratie. Allerdings hat man vergessen, uns Menschen hierzulande zu erklären, was genau das bedeutet und auch Pflichten neben den Rechten dazugehören könnten. So kam es, dass viele, die ihren Job verloren oder zu wenig verdienten, enttäuscht waren, dass sich dadurch auch die Reisefreiheit ein wenig einschränkte. Daraus wurde bei Manchen Frust, glaubte man doch an das Menschenrecht auf Saufen auf Malle oder Fi... in Thailand. Von Bezahlen war nie die Rede! Wieder andere verweisen aus Trotz darauf, dass es in Ungarn oder Bulgarien immer schon schön war. Gerade für das Geld.
Die Pressefreiheit wurde für viele das Recht, sich von der Presse zu befreien, nachdem das "Organ" lange Zeit eine lästige Pflicht war. So hat ein Bekannter von mir sein Jahrhunderte Jahre altes Abo gekündigt, nachdem ihm ein Artikel nicht passte. Jetzt holt er sich jeden Tag absichtlich ein Ding mit mehr Bildern und weniger Text. Da darin von vornherein kein Mensch die Wahrheit sucht, können die schreiben was sie wollen, er wird es niemals kritisieren.
Interessant ist, dass viele wie er, die sich von der Presse befreit haben, inbrünstig Lügenpresse rufen, aber dabei die Presse, in der oft wirklich gelogen wird, ausklammern. Wobei es ja DIE Presse genauso wenig gibt, wie DEN Ossi. Daher kommt mir diese Kritik so vor, als ob jeder was Anderes meint, aber am Ende wird es schon irgendwo stimmen. Dummerweise ist das eine Form der Kritik, die man über sich selbst nie zulassen würde. Der Bürger ist manchmal in seiner Besorgnis komisch. Sein Verhalten zeigt zudem, dass er die Meinungsfreiheit nicht komplett verstanden hat. Jemanden zu beschimpfen oder anzupöbeln ist zwar frei von Meinung, aber keine Meinungsfreiheit.
Andererseits, nichts zu sagen ist auch frei von Meinung - mehr nicht. Vor kurzem las ich ein Interview mit AKK und stellte fest, in ihrer Angst vor der falschen Meinung, sagte sie lieber nichts. Zudem in einer Sprache, die nicht nur montags als klingorisch empfunden wird. Ohne die Fragen zu erwähnen, habe ich hier mal ein paar Begriffe aus ihren Antworten herausgenommen: Leitfragen, Zuhörtour, Gliederungen der Partei und Fachausschüsse, Werkstattgespräch, Debatten-Arenen auf dem Parteitag, Antworttour an der Basis mit Grundsatzprogramm, inhaltliche Willensbildung, Digitalcharta als disruptiver Antrag, Binnenmotivation... Die will mich. Aber doch nicht so, Mäusel! Weder auf Arbeit, noch beim Essen, in der Schule oder in meiner Freizeit kommen diese Begriffe oft vor. Eher selten. Eigentlich nie. Das heißt, diese Frau spricht nicht meine Sprache, wundert sich aber, warum ich nicht auf sie abfahre.
Und nicht nur sie. Die SPD wundert sich, warum eine Frau mit dem Jargon der Seeleute und der Erwerbsbiografie von Langzeitarbeitslosen beim Werktätigen genauso wenig punktete wie bei den Intellektuellen. Übrigens sehen übergewichtige Doppelkinnträger in schlechtsitzenden teuren Anzügen in jeder Werkhalle komisch aus. Vor allem, wenn sie dabei auf kämpfende Arbeiterklasse machen. Und ein aalglatter Jungjurist, der glaubt, Rap kommt von Fein-Rap-Unterwäsche, sollte nie wieder auf einen echten Rapper in dessen Sprache versuchen zu antworten. Kurz zusammengefasst lautet mein Vorwurf: Ihr seid langweilige Kopien von irgendwas, aber in einer Gesellschaft der Sieger, ist die Kopie immer nur lächerlicher Zweiter. Was wir brauchen sind Originale! Und die gibt es nicht als Ergebnis einer Regionalkonferenz, sondern nur im wahren Leben!
Auch besorgt, aber anders.
Ciao, euer Mario


Internet:

www.vorsicht-thiel.de


Wort: Mario Thiel / Bild: Tobias Kade