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Dr. Winters Kolumne

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Mach die Fliege


Liebe Freunde,
es ist kurz vor zweiundzwanzig Uhr, ich sitze in der Absicht, mich über das Weltgeschehen zu informieren vor dem Fernseher, und gerade, als Klaus Kleber, der Anchorman der Spätnachrichten "Klimakatastrophe" sagen will, stattdessen aber, wie es so seine Art ist, "Primakatastrophe" sagt, wird meine Aufmerksamkeit vom Geräusch einer die Deckenlampe umkreisenden Fliege stark beeinträchtigt.
Es ist ein Geräusch, das mich in den Wahnsinn treibt. Ein Dröhnen, ein Donnern, ein Knattern. Einfach furchtbar. Eine Abrissbirne ist nichts dagegen. Die Lautstärke des Brummens legt die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Insekt um ein drei oder vier Kilo schweres Exemplar seiner Gattung handelt. Die Fliege ist so schwer, dass man sie sogar über den Fußboden und die Wand hinauflaufen hört. Noch schrecklicher klingt es, wenn sie ihre Flügel ausbreitet, nach oben schießt, und wieder und wieder gegen die Zimmerdecke prallt! Dong! Rumms! Crash! Könnt ihr euch vorstellen, wie das nervt? Ich denke schon.
Im Sommer könnte ich den ganzen Tag lang nichts anderes machen, als Insekten zu jagen. Weil sie mich daran hindern, Klaus Kleber zuzuhören, oder Gundula Gaus, oder einfach nur geplättet auf dem Sofa herumzuliegen. Ich gebe zu, was die Jagd auf diese Tiere anbelangt, zeichne ich mich durch besondere Heimtücke aus. Gerade, wenn sich das Tier unbeobachtet fühlt, in Ruhestellung verharrt, greife ich an. Mit abgewandtem Blick, um den Quälgeist nicht zu verschrecken, pirsche ich mich langsam vor. Das Auflauern, Beobachten, Ausspähen ist wichtig, um schließlich im richtigen Moment zuschlagen zu können. Genauso wie die Wahl der Waffe von größter Bedeutung ist, ich benutze meistens eine zusammengerollte Zeitung, bisweilen auch einen Staubsauger. Trotzdem ist nicht einfach, einem solchen Reptil habhaft zu werden. Die Schnelligkeit der Reaktion bei diesen Sechsfüßlern ist erstaunlich. Mal sind sie hier, mal sind sie dort, und im nächsten Moment wieder woanders. Man muss sich mit der Anatomie dieser Parasiten auskennen und wissen, an welcher Stelle des Körpers der Schlag platziert werden muss, um die effektivste Wirkung zu erzielen. Und man muss schnell sein, täglich am Modell trainieren, Kraft - und Ausdauersport betreiben. Ein verfehlter, die Wehrfähigkeit nicht sofort ausschaltender Schlag kann zu einem erbitterten, erbarmungslosen Gegenangriff der Blutsauger führen. Wie oft wurde ich nicht schon von einem besonders aggressiven Insekt durch die Wohnung getrieben. Eine solche, mitunter Stunden andauernde Attacke erfordert ein Höchstmaß körperlicher Wendigkeit und Elastizität. Denn ob es nun angeraten scheint, sich gegen eine Wand zu pressen, mit hoher, dünner Stimme schreiend in die Küche zu laufen oder sich mit über dem Kopf verschränkten Armen auf den Boden zu kauern, immer bedarf es einer gehörigen Portion Spannkraft und Biegsamkeit, um die erforderlichen Bewegungen auszuführen. Ich könnte Schlimmeres berichten, belasse es aber bei diesem Beispiel der Durchtriebenheit und Heimtücke dieser Geschöpfe.
Doch zurück zur oben genannten Fliege: Mittlerweile hat sie sich auf dem Fernseher niedergelassen, und in den Augenblick, als der Anchorman der Spätnachrichten, "Verteidigungsministerium" sagt, und dieses Mal sagt er es sogar richtig, dresche ich mit der zusammengerollten Zeitung in einer Art Besinnungslosigkeit wieder und wieder auf den Bildschirm, so lange, bis das Bild in sich zusammengefallen ist, und Klaus Kleber nichts mehr sagt, und Gundula Gaus auch nicht, nur das Brummen, das Brummen ist immer noch da.
Euer Doktor Hybotidae Xylomidae Winter


Bild: Robert Katschinka