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Dr. Winters Kolumne

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Dr. Winters Kolumne

Von wegen freier Wille


Liebe Freunde, bei mir ist es ja so gewesen, bevor ich begonnen habe, Fleischer zu studieren, habe ich einige Vorlesungen in Philosophie besucht, und letztlich haben die mich beim Erreichen meines Berufsziels nur gestört. Aber soll ich Euch was sagen, manche der dort aufgeworfenen Fragen stelle ich mir noch heute. Die Frage nach dem freien Willen zum Beispiel. Der freie Wille, werdet Ihr fragen, welcher freie Wille denn? Seht Ihr, so geht es mir auch. Immerzu fasse ich mich an die Stirn und versuche mir darüber klar zu werden, ob es den freien Willen gibt. Kann ich tatsächlich machen, was ich will, oder ist alles vorbestimmt, determiniert? Entscheide ich wirklich etwas, oder denke ich nur, dass ich etwas entscheide? Bin ich nur ein Rädchen im Getriebe, oder bin ich das Getriebe? Es ist so kompliziert. Kann ich tatsächlich immer das machen, was ich will, oder beruht jede meiner Handlungen auf von mir nicht beeinfluss-baren Notwendigkeiten? Schwierig, schwierig.
Das fängt ja mit der Geburt an. Stellt Euch einmal vor: Die meisten von uns werden nicht einmal gefragt, ob sie auf die Welt kommen wollen. Auf einmal sind wir da und sollen uns auch noch freuen. Die erste, unser Leben betreffende Entscheidung treffen andere, unsere Eltern, und selbst die sind häufig überrascht und hätten lieber etwas anderes gewollt, einen neuen Fernseher beispielsweise. Und das Kind schlägt seine Augen auf und wäre, wenn es nach seinem Willen gegangen wäre, nicht in dieser Plattenbausiedlung zu Hause gewesen, sondern in einer hübschen Villa am Adelsberg. Kann da irgendjemand so etwas wie einen freien Willen erkennen? Also ich nicht. Und dann geht es weiter. Wieder entscheiden andere, dass man zur Schule gehen muss. Wäre es nach meinem Willen gegangen, hätte man mich niemals dort gesehen. Das ist ja wohl klar. Und wenn ich meinen Willen hätte durchsetzen können, wären mir von den Lehrern nur gute Noten gegeben worden, auch in Sport, an der Kletterstange, an der ich seltsamerweise immer nur nach unten gerutscht bin, nie nach oben. Ich habe vor diesem elenden Sportgerät gestanden und bin immer tiefer gesunken. Ohne es gewollt zu haben übrigens. Aber ich hätte mir trotzdem eine Eins gegeben. Wenn es den freien Willen gäbe, dann wäre es eine Eins gewesen, die Kletterstange herunterzurutschen, von unten nach unten. Bekommen habe ich eine Fünf, weil es nach dem Willen des Sportlehrers ging, nicht nach meinem.
Und dann sucht sich auch noch Mirko mich zum Freund aus. Ausgerechnet Mirko. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich mich keine zwei Minuten mit Mirko abgegeben. Aber unsere Freundschaft ist auch nicht Mirkos freier Wille gewesen. Mirko musste mich fragen, ob wir Freunde sein wollen, weil sich seine Mutter und meine Mutter gekannt haben. Ich habe fünf Mal nein gesagt. Nein, Mirko, habe ich gesagt, das ist nicht mein Wille, dass wir Freunde werden. Dann ist es mir zu blöd geworden und ich habe mich mit ihm angefreundet. In der Klasse 9 habe ich mich in Veronika verliebt. Nicht etwa, weil Veronikas Vater meinen Vater gekannt hat, sondern weil ich sie so hübsch gefunden habe. Wenn es nach meinem Willen gegangen wäre, hätten wir Anfang der zehnten Klasse geheiratet. Aber Veronika wollte etwas anderes, Mirko.
So geht das ständig. Jeder mischt sich in mein Leben ein. Sogar Mirkos Mutter. Ich habe keinen freien Willen. Mirkos Mutter vielleicht, ich nicht. Beim Gang zur Toilette bin nicht ich es, der entscheidet, wann und wie schnell ich ihn antrete, sondern meine Blase. Wann ich etwas essen will, bestimmt mein Magen. Und wann ich die Kolumne beenden muss, entscheidet die Anzahl der Zeichen, nämlich jetzt.
Euer Doktor Bieri Popper Winter