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Dr. Winters Kolumne

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Schuhe aus, Picasso!


Liebe Freunde,
möglicherweise stehe ich mit dieser Meinung allein auf weiter Flur, aber für mich gibt es nichts Abstoßenderes, als in einer fremden Wohnung die Schuhe ausziehen zu müssen. Wirklich. Im Ernst. Meistens wird man ja bereits im Hausflur regelrecht dazu genötigt. Es ist so peinlich, so demütigend, ein einziger Affront. Man hält sich mit der linken Hand am Geländer fest und versucht, mit der rechten die Schuhe abzustreifen. Was für eine Zumutung! Natürlich bekommt man die Schnürsenkel nicht auf und verliert das Gleichgewicht, während der Paketbote hinter einem steht und schnaufend darauf wartet, dass er ins nächste Stockwerk sprinten kann. Schrecklich. Noch unangenehmer ist es, in weit nach vorn gerutschten Socken vor der Wohnungstür zu stehen und dem Gastgeber ein Geschenk zu überreichen, eine Flasche Cognac oder einen Roman von Dostojewski oder einen Strauß weißer Orchideen, irgendetwas mit Stil und Geschmack, um kurz darauf genötigt zu werden, in ein Paar alter Pantoffeln des Hausherrn zu schlüpfen. Es sind viel zu kleine Pantoffeln, ausgetreten, abgerissen, kontaminiert mit gefährlichen Keimen und Krankheitserregern. Ihre Sohlen lösen sich ab und das Fußbett ist ausgetreten und voller Löcher und aufgetrennter Nähte. Es ist völlig unmöglich, darin zu laufen. Man kann bestenfalls schlurfen. Aber das ist ja die Absicht. Dass man schlurft. Dass man sich lächerlich macht in seinen heruntergerutschten Socken und den winzigen Pantoffeln. Dass man auf seine Füße reduziert wird. Dass man zu einem Fußmenschen wird. Weil es für alle so komisch ist, so ein Riesenspaß, zuzusehen, wie jemand in fremden Schuhen durch das Zimmer stolpert.
Allerdings bekommt man nicht immer Pantoffeln angeboten. Manchmal sind es auch Schlappen, wie sie in Hallenbädern getragen werden, aber aus Plüsch. Häufig in der Form von kleinen Haustieren - Häschen, Schweinchen. Es ist einfach unfassbar. Ich verstehe nicht, was das soll. Im Prinzip kann man, wenn man schon mal dabei ist, auch gleich seine Hose ausziehen oder sein Hemd, um es durch das eine oder andere gebrauchte Kleidungsstück der Gastfamilie zu ersetzen. Oder man setzt seine eigene Brille ab und benutzt die nächstbeste, derer man habhaft wird. Aber vielleicht geht es ja auch um Hygiene. Es gibt ja Familien, die, bevor sie Besuch empfangen, eine Plastikfolie über den Stuhl breiten, auf den man sich setzen soll, oder eine Dose Desinfektionsspray über den Gast verteilen. Der Irrsinn kennt keine Grenzen. Aber das ist ja noch längst nicht alles.
Die wirkliche Gefahr beim Tauschen von Schuhen und Kleidungsstücken besteht ja darin, dass man die Eigenschaften der Person, deren Schuhe oder Kleidung man trägt, annimmt. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Sogar Picasso (Ihr kennt doch Picasso?), hat deswegen niemals von ihm getragene Kleidung weggegeben oder verschenkt. Weil er nicht wollte, dass sich sein Genie auf die Person überträgt, die seine Jacke trägt. "Nicht meine getragene Jacke!", hat er gewettert, "gebt dem Gärtner nicht meine getragene Jacke. Das fehlte noch, dass er demnächst so fantastische Bilder zu malen beginnt, wie ich!" Recht hatte er. Wie oft habe ich es erlebt, dass Leute, denen befohlen wurde, die Schuhe eines Chi-rurgen zu tragen, aus heiterem Himmel zu operieren begonnen haben, teilweise noch am selben Abend, bevor das Essen serviert wurde. Deshalb: Behaltet um Himmels willen immer Eure Schuhe an!

Euer Doktor Pablo Ruiz Winter