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Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Dr. Winters Kolumne

Warm, hell und freundlich


Liebe Freunde, also sagt mal, was ist denn draußen vor dem Fenster los? Es ist 17 Uhr und stockdunkel. Und es ist kalt und Nebelschwaden kriechen durch die Straßen, und alle Menschen sind erkältet und husten, also, ich weiß ja nicht, aber schön ist etwas anderes. Das, was da los ist, nennt sich übrigens November, es ist der vorletzte Monat des Jahres und man ist all dem Frost und der Nässe und dem Unbehagen, das er mit sich bringt, völlig hilflos ausgeliefert. Deswegen habe ich mir gedacht, ich erzähle Euch eine Sommergeschichte. Um Euch auf andere Gedanken zu bringen, um Euch Mut zu machen, dass es auch wieder besser wird, wärmer, heller.
Die Geschichte spielt in Portugal, und sie ist absolut wahr und kein bisschen erfunden, und wer sie mir nicht glaubt, der soll sofort nach Portugal fahren und es nachprüfen. Es geht dabei um die Frau des Bademeisters am Strand von Lagos. Die Frau des Bademeisters zog sich nie etwas an. Den ganzen Tag stand sie nackt neben ihrem Mann, der mit zusammengekniffenen Augen das Ufer und ein Stück des Meeres nach Vorfällen absuchte, die seinen Einsatz erforderlich machten. Der Bademeister und seine Frau wohnten in einer Gasse im Stadtinneren. Das Haus war klein, und wenn man an ihm vorbeiging, lag ein Geruch nach Katzen in der Luft. Manchmal kam es vor, dass eine Katze aus dem Parterrefenster sprang und der einen oder anderen sich eventuell in der Nähe aufhaltenden Person einen ordentlichen Schreck einjagte. Aber das passierte meistens vormittags und am frühen Abend, also immer dann, wenn der Bademeister nach Ertrinkenden Ausschau hielt.
"Ich möchte bloß wissen, weshalb sich die Leute nicht an die einfachsten Regeln halten können!", sagte er zu seiner Frau, die, so wie immer, völlig unbekleidet hinter ihm stand, "alles wäre so viel einfacher, wenn sie es täten!" "Absolut!", sagte seine Frau. Manchmal, wenn das Meer besonders schön aussah, wenn es noch blauer war, als der Himmel über ihm, wenn die roten Bojen in der Sonne glänzten und die weißen Segel der Boote im Wind flatterten, wenn das Licht und das Wasser eins wurden, dann liebte der Bademeister seine Arbeit, und er bedauerte es unendlich, dass er nach der nächsten Saison in Pension gehen würde. Auch seine Frau bedauerte das bevorstehende Ausscheiden ihres Mannes aus dem Arbeitsleben, da sie dann keinen Platz mehr haben würde, an dem sie unbekleidet herumstehen konnte. In der Gasse im Stadtinneren war das undenkbar. Dort wurden die Passanten ja schon von den Katzen erschreckt. Aber dann vergaßen beide ihre Sorgen und sahen sich die Urlauber an. Einen Jungen, der über seine Mutter lachte, die sich in den Sand gesetzt hatte und nun eine schmutzige Bikinihose trug, einen Mann, der seine Glatze mit einem blauen Handtuch bedeckte, um sie vor einem Sonnenbrand zu schützen, und einen anderen Mann, der auf dem Boden lag, und seine Arme mit gefalteten Händen in die Höhe streckte. Weil er eine Sonnenbrille trug und sehr lange in dieser Stellung verharrte, sah er aus wie ein Insekt von achtunggebietender Größe.
"Warum ziehst du eigentlich nie etwas an?" fragte der Bademeister plötzlich, während ein Motorboot vorbeifuhr und der Geruch von Diesel in der Luft lag. "Warum?", antwortete seine Frau, "keine Ahnung!" "Naja, ist ja auch egal", sagte der Bademeister, "das Wichtigste ist, dass wir es hier immer warm haben!" Und damit hatte er total recht. Solange es warm ist und hell und freundlich, kann man so ziemlich alles aushalten, stimmt's?

Euer Doktor Lopes de Silva Winter