Wein zum Essen
Kudernatschs Kolumne

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Hermsdorf im Kreuz


Ich möchte das Hermsdorfer Kreuz würdigen, weil sich sonst niemand darum schert. Es ist nach dem Schkeuditzer Kreuz das zweitälteste Autobahnkreuz von Deutschland, es wurde als Kleeblatt gebaut, und über 100.000 Autos brausen täglich darüber. Wenn sie brausen! Oft genug ist Stau am Hermsdorfer Kreuz - das Kleeblatt bringt kein Glück - und es ertönt ein großes Murren und Knurren in der Kolonne der Kreuzfahrer, weil sie zu Kreuzstehern mutieren. Wenn Stau ist, ist Stau! Diesen Unmut hat das Hermsdorfer Kreuz nicht verdient. Es ist reich an Attraktionen und lädt zu Aktivitäten ein. Also raus aus dem Auto und loserkundet! Im nahen Reichenbach schauen die Kreuzzügler den Porzellanbauern zu, wie sie niedliche Figuren formen. In Hermsdorf lohnt ein Abstecher in die feine Stadtbibliothek zu feinstem Lesestoff. Im benachbarten Sankt Gangloff erwartet die Freundinnen und Freunde von Heißgetränken ein stärkender Goldmännchen-Tee, der dort beheimatet ist. Bereichert und gekräftigt schlendern die Besucher anschließend zurück zu ihrem Wagen, der seit Stunden auf der A 9 am Hermsdorfer Kreuz die rechte Spur versperrt.
Gut, die Autobahn-Touristen sollten zunächst sauber auf dem Hermsdorfer Rastplatz einparken. Von dort aus lässt sich das Thüringer Holzland erforschen. Mit etwas Glück sieht man den putzigen Mutz, den viele vom schmackhaften Mutzbraten kennen. Der geübte Wanderer schafft es möglicherweise bis nach Bad Klosterlausnitz in die Kristall-Therme. Wem das zu weit ist, dem empfehle ich in entgegengesetzter Richtung das Teufelstal mit der Teufelstalbrücke. Egal, wohin man schreitet oder schaut - es gibt überall etwas zu bestaunen. Das ist ein Kreuz mit dem Kreuz! So ist es nun einmal an einem solch zentralen Ort. Immerhin wird die große Bedeutung kreuzweise im Wappen von Hermsdorf hervorgehoben. Das zeigt eine Tanne auf der einen und einen Bären auf der anderen Seite - und unter ihnen und dazwischen die Autobahn. So können sich Tanne und Bär nicht "Gute Nacht" sagen, denn durch die A 9 sind sie für immer voneinander getrennt. Die A 4 versperrt ihnen zudem die Flucht nach unten. Obwohl die Tanne solche Pläne längst aufgegeben hat - sie ist zu fest in der Region verwurzelt.
Das ist nicht bei jedem so. Mancher träumt und träumte von Freiheit. Wie mein guter Freund Max Martin. Max lebte in seiner Kindheit in Eisenberg und zog von dort aus los ans Hermsdorfer Kreuz, um am Autobahnrand nach weggeworfenen Tic-Tac-Packungen und Kaugummipapier zu suchen. Fand er etwas, roch er daran und freute sich. Das war der Westen. Ich glaube, Max hält daran fest. Er war einer der ersten Besitzer des Puzzles "Hermsdorfer Kreuz". Das kann man wirklich kaufen, es hat 1.000 Teile. Ich bin mir sicher, dass Max an den schönsten Teilen riecht und sich an seine Kindheit erinnert. Eventuell lutscht er sogar daran. Wenigstens zu diesem Puzzle rate ich jedem, der das Hermsdorfer Kreuz meistern will. Wer dort strandet und trotz meiner Tipps nicht die Gegend erkunden möchte, kann auf der Motorhaube puzzeln. Und wer ohne Stau und ohne neckischen Familienspaß auf der Haube ungebremst durchrutscht, hat immerhin eine nette Erinnerung an dieses sicher einmalige Erlebnis. Das fertige Kleeblatt ist wirklich wunderschön.


Kudernatsch liest aus seinem neuen Buch "Ich hab's im Hermsdorfer Kreuz":

17.11. Erfurt, Café Backstube
22.11. Weimar, ACC Galerie
25.11. Bad Langensalza, Stadtbibliothek
28.11. Hermsdorf, Stadtbibliothek
07.12. Erfurt, Buchhandlung Peterknecht


Internet:

www.kudi.de


Wort: André Kudernatsch / Bild: ELC