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Kudernatschs Kolumne

Kudernatschs Kolumne

Kudernatschs Kolumne

Nicht ohne (m)einen Arzt


Auf der Kinderseite unserer Zeitung habe ich gelesen, dass im Theater in jeder Vorstellung ein Arzt sitzt. Das ist gut so, falls jemand aus dem Rahmen oder in den Orchestergraben fällt. "Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt", sagt dann der Arzt - und zwar nicht auf dem Weg zum Ausgang, sondern zur Unfallstelle. Egal ob er Zahnarzt, Ohrenarzt oder Orthopäde ist. So stelle ich mir das vor. Dieser Arzt wird dafür nicht bezahlt, er bekommt einfach immer zwei Freikarten. Und damit er nicht durchdreht und jedes Stück bis zum Erbrechen wieder und wieder ansehen muss, wechseln sich die Ärzte ab. Es gibt also keine gleichbleibende Arzt-Qualität im Theater. Nicht so wie bei den Feuerwehrmännern - das sind immer echte Feuerwehrmänner und nicht mal mehr oder weniger Feuerwehrmänner.
Mich beunruhigt das sehr, weil ich nicht weiß, welcher Arzt gerade Dienst tut, wenn ich mir zum Beispiel den Fuß auf der steilen Theatertreppe verknackse. Ist es der Augenarzt, guckt er mich ernst an und sagt: "Schauen wir mal!" Ist es der Hautarzt, meint er: "Fasst sich gar nicht gut an." Und der Ohrenarzt könnte verkünden: "Das hört gleich wieder auf."
Also sollte man sich sicherheitshalber immer nur so ein Leid zulegen, das zum diensthabenden Doktor passt. Am Theatereingang sollte stehen, wer es ist. Niemand ist heiß auf eine Darmspiegelung im ersten Rang. Aber ich jammere hier auf hohem Niveau. Wir alle sollten vielmehr dankbar sein, dass überhaupt jemand im Raum ist, der den Eid des Hippokrates geleistet hat. Gibt's über den eigentlich auch schon eine Oper oder ein Theaterstück? Hippokrates von Kos war der berühmteste Arzt des Altertums - der hätte das voll verdient. Das monumentale Werk könnte heißen "Götter in Weiß" oder "Das Krankenhaus im Zentrum der Stadt" oder "Haben Sie Ihre Chipkarte mit?" Ja, von mir aus macht man es modern und die Serie "In aller Freundschaft" zur wahren Seifenoper.
Bis das geklärt ist, sollte der freiwillige Theater-Dienst des Arztes aufgewertet werden. Etwa durch einen kurzen Auftritt im Stück. Die Oper Erfurt sollte anfangen und ein Zeichen setzen. Bei "Orpheus und Eurydike" könnte eine Allgemeinmedizinerin auf der Bühne geschwind prüfen, was mit Eurydike los ist und dann einen Totenschein ausstellen. Bei "Evita" würde die sieche Hauptdarstellerin kurz vor Schluss eine Opiumspritze erhalten, um noch eine Nummer durchzusingen. Die "Csárdásfürstin" bekäme Vitamin B gereicht, um endlich gesellschaftsfähig zu werden. Das wäre Medizin nach Noten. Ging im DDR-Fernsehen früher anders und mit Medizinbällen vor laufender Kamera, aber der Titel ist super.
In der Pause dürften Kassenpatienten zugucken, wie der Arzt mit Privatpatienten Sekt trinkt, anregende Gespräche führt und dezent lacht. Und wem beim Zuschauen schummrig wird - der Arzt ist ja gleich in der Nähe. Das würde laufen wie Hulle - und ja, man muss das viel größer und weiter denken. Wahlweise reden wir in der Landeshauptstadt immer von "Theater" oder "Oper" - je nachdem, was wir gerade am Brühl brauchen und eigentlich nicht haben. Wir sollten "Klinikum" hinzufügen. "Helios 2" wäre ein Selbstläufer, würde heilen und helfen und nie wieder den Kulturetat belasten. Manchmal liegen die Lösungen so nah. Sie stehen einfach zwischen den Zeilen auf der Kinderseite unserer Zeitung.


Internet:

www.kudi.de


Wort und Bild: André Kudernatsch