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Kudernatschs Kolumne

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Husch, husch, die Eisenbahn!


"Husch, husch, husch, die Eisenbahn - wer will mit nach Halle fahren?" So haben die lieben Kinder bis eben noch gesungen. Doch nun rauscht die Bahn so schnell von Erfurt nach Halle, dass die Mädchen und Jungen gerade mal noch das erste "Husch" schaffen - schon sind sie da. Die neue Strecke ist fertig und sorgt für Tempo. Das Gleis ist heiß! Aber nicht alles ist zügig schön im Zug. Vor allem Pendler wissen das. Die fahren ja nicht aus Spaß mit, sondern weil sie müssen.
Darum stellen sie - kaum zugestiegen und einen Platz ergattert - die Tasche auf den Nebensitz und hoffen, dass bloß keiner kommt. Aber das bleibt meistens nur Hoffnung. Es steigen ein: Der Geschäftsmann, der Fresssack, der fernreisende Student mit dem Interrail-Ticket, dicht gefolgt vom Urlauber, dem Plappermaul und der Schulklasse.
Der Geschäftsmann beansprucht selbstverständlich einen Platz am Tisch, den er für Laptop und Unterlagen braucht. Kaum installiert, macht er das Großraumabteil zum Großraumbüro und brüllt wichtig in sein Telefon, dass alle an seinen Geschäften teilhaben können. Dennoch hat es für die 1. Klasse scheinbar nicht gereicht.
Der Fresssack kommt ganz ohne Worte aus, dafür mit viel Nahrung. Eben erst im Sitz versunken, packt er sofort aus: Hartgekochte Eier, Knoblauchbaguette, Hackepeterbrötchen und Riesentüten mit Chips und Knusperflocken. Dazu gibt's Cola! Das schnurpselt und gluckert und schnuppert! Für die Perfektion der Duftnote hat ihm die Mutti vielleicht noch ein paar Apfelschnitze mitgegeben.
Die hat der Student mit dem Riesenrucksack und dem Interrail-Ticket in der abgewetzten Jeans längst vertilgt. Er ist der harte Hund unter den Bahnreisenden, jung und wild und ungeduscht und schon länger unterwegs. Das gibt ihm das Recht, seinen Rucksack durch den engen Gang zu rammen und damit die Köpfe der Mitreisenden aus dem Weg zu schrammen.
Und wenn der Typ endlich sitzt, tritt der Urlauber auf. Der, der die Reise lange geplant hat - als Zug zum Flug ab Leipzig beispielsweise. Daher hat er eine Sitzplatzreservierung, die er beharrlich einfordert: "Entschuldigung, das ist mein Platz!" Auch wenn der Rest des Zuges leer sein sollte - der Urlauber sitzt nur da, wo er soll. Sonst hätte er ja das Geld für die Reservierung sparen können und der Urlaub wäre bereits vorm Antritt vermasselt.
Langsam ist unser Zug voll. Fehlen noch das Plappermaul und die Schulklasse. Das Plappermaul benimmt sich so, als ob es zum allerersten Mal mit der Bahn fährt und kommentiert jeden Baum, der am Fenster vorbeihuscht - vorzugsweise, wenn das Plappermaul von einem kleinen Kind begleitet wird. Diesem Kind wird immer wieder laut gesagt, dass es leise sein soll.
Doch bevor die Mitreisenden die Zähne fletschen, kommt's noch dicker. Eine Schulklasse dringt in den Zug ein - und übernimmt ihn komplett, während zwei Lehrkräfte schwach versuchen, die Schülerschar zu bändigen. Was nur noch getoppt werden kann von singenden Senioren-Wandergruppen.
Da hilft dem armen Pendler mittendrin alles Verschanzen nichts mehr. Da kann er noch so gut Bücher, E-Book-Reader oder Zeitung vors Gesicht halten und sich per Kopfhörer aus dieser Welt verabschieden wollen. "Husch, husch, husch, die Eisenbahn!" - wenigstens dauern die Strapazen nun nicht mehr so lange. Und das allein zählt. Darauf ein "Husch!"


Internet:

www.kudi.de


Wort: André Kudernatsch / Bild: ELC