Kudernatschs Kolumne

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Willkommen unterm Dach!


Wer kann sich erinnern? An die wunderschöne Dachgeschosswohnung mit Blick über die Stadt, auf schönere Dachgeschosswohnungen, Schornsteine und Dächer? Mit großen Galeriefenstern, lichtdurchflutet und natürlich mit Balkon oder Dachterrasse. Wer kennt sie noch? Die Maisonette-Dachgeschosswohnung, bei der es spannend war, wie der Makler "Maisonette" aussprach, während er an die Gipskartonwände pochte, um eingeschlossene Taubenzecken zu erschrecken? An diese aufgemotzten Trockenböden, deren Tuning in den 1990ern gefördert wurde, als vom real existierenden Sozialismus der Putz restlos abgebröckelt war.
Früher - im Sozialismus - hingen auf den Böden unsanierter Altbauten häufig die Unterhosen des Hauses zum Trocknen und selten verzweifelte Mietschuldner an den Dachbalken und in kleinen Verschlägen verstaubte aufbewahrungswertes Hab und Gut. So war das. Mit der Wende kehrte Leben direkt unter den Dachziegeln ein. Weil sie hoch oben leben wollte, die Oberschicht - im "neu renovierten" Dachgeschoss, wie der Makler tautologisch offerierte. Weit weg von der blassen Unterschicht im Erdgeschoss - ein heller Platz an der Sonne sollte es sein, Quadratmeterpreis ganz egal, irgendwas bei 20 Mark. Im Erdgeschoss dagegen waren es höchstens 4,50 Mark.
"Hell" bedeutet jedoch nicht umsonst aus dem Englischen übersetzt "Hölle". Längst ist es in unseren hellen Dachgeschossen ähnlich heiß. 35 Grad gelten als kühl. All die schrägen Dachfenster werden verflucht. Was also tun? Zunächst werden Hoch- zu Tiefbetten. Abducken bringt pro Meter mindestens ein halbes Grad. Und wer die Maisonette-Variante bewohnt, verzichtet auf die Gipfeletage und hat häufig im Keller zu tun. Es umstellt sich, wer kann, mit vor sich hin schnorchelnden Klimaanlagen, die vorn kalte Luft ablassen und hinten heiße rausblasen, die mit schnorchelnden Klimaanlagen gekühlt wird. Am besten werden sieben oder acht solcher Ungetüme im Kreis aufgebaut, um sich gegenseitig anzupusten. Das sind Notmaßnahmen.
Die Mietpartei bewohnt ihre Wohnung ausschließlich von 22 bis 5 Uhr und erledigt in dieser Zeit das, was in einer Wohnung so zu erledigen ist. Blumengießen zählt unter Garantie nicht mehr dazu. Es empfiehlt sich ein ausgedehnter Sommerurlaub von Mai bis Oktober - auf nach Island! "Hu!" - so ruft man da. Bei der Fußball-WM 2014 haben wir's gelernt. Seitdem wird Island überrannt und eines Tages mit Mann und Maus untergehen. Bleiben wir daheim! Kümmern wir uns um das, was unter hiesigen Dächern dampft.
Dauerhaft hilft nämlich nur eins: Die Oberschicht geht in die Tiefe. In die Erdgeschosswohnungen und ins Souterrain. Bitte nicht lachen, wie der Makler "Souterrain" ausspricht! Dafür sind Souterrain-Wohnungen viel zu rar, als dass man durch Gekicher seine Mietchancen aufs Spiel setzen sollte. Deshalb kostet das, was früher die Waschküche oder der Kohlenkeller war, inzwischen schlappe 20 Euro - im Gegensatz zu den 4,50 unterm Dach. Dorthin will niemand mehr, der es sich leisten kann. Schließlich ist es unten angenehm frisch. Jeder will Kellerkind sein. Als Clou gelten Loftwohnungen unter Tage - umgebaute Tiefgaragen, Röhren unter der Innenstadt, umspült von sieben Grad kaltem Grundwasser. So wird das Überleben der Betuchten leicht gemacht - als Kellerassel geht es für sie weiter. Von der Assel lernen, heißt siegen lernen!


Internet:

www.kudi.de


Wort: André Kudernatsch / Bild: ELC