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Kudernatschs Kolumne

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Erfurt ist das neue Leipzig


Große Zeitungen haben große Themen. Da muss man groß denken, und darum hat so eine große Zeitung geschrieben: Erfurt ist das neue Berlin. Das ist völliger Unsinn! Denn Erfurt hat einen funktionierenden Flughafen! Kleinere Zeitungen haben kleinere Themen, ohne kleinlich zu sein. Sie haben jetzt fast alle froh verkündet: Erfurt ist das neue Leipzig. Damit kann ich etwas anfangen. Denn was Leipzig hat, haben wir auch: Einen Ring, ein Stadion (sogar ganz ohne erfolgreiche Fußballmannschaft), schöne Straßenbahnen, etwas Gewässer in der Stadt und viele Glitzerglatzer-Fassaden, hinter denen genau die Geschäfte liegen, die es über-all gibt, so dass man sich nirgends mehr fremd fühlt. Leipzig hat wirklich nichts, was wir nicht auch haben. Nehmen wir doch nur den Zoo, auf den Leipzig so viel hält. Da geben die Sachsen an, mit dem Gondwana-Land ein Areal zu besitzen, wo alles wie früher aussieht. Das ist bei uns in den Plattenbauten vom Roten Berg nicht anders.
Mit Leipzig geht es steil bergab. Auch die Wirtschaft zieht nicht mehr mit. Die Automobilmesse musste abgesagt werden, während die Messe in Erfurt brummt. Oft werden Pferde darin gehalten wie bei Apassionata oder Reiten - Jagen - Fischen. Und wenn diese Pferde dann die Dielung volläpfeln, wird rasch die Messe Kinderkult angehängt. Da gehen die Pferdeäpfel als Bio-Bälle durch, in denen sich die Kinder gerne - wie sonst nur in schwedischen Möbelhäusern - wälzen. Oder wir feiern die Thüringen-Ausstellung immer wieder mit neuem Besucherrekord. Dort kann man an den Messeständen Watzdorfer Bier schlucken, Born-Senf schlecken und mit den Ohren schlackern - so rege ist der Mittelhandstand.
Da guckt Leipzig dumm aus der Wäsche. Erfurt ist das neue Leipzig! Sogar Leipzigs ehemaliger Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee hat das begriffen. Er ist schon bei uns - und muss als Thüringer Minister auch nie wieder Cello spielen. Wie einst in Leipzig zur Olympia-Bewerbung, die er mit seinem Cello-Spiel erfolglos unterstützte, quasi vergeigte. Doch darauf reiten wir nicht herum. Das haben wir gar nicht nötig. Erfurt sorgt für viel bessere Themen: So hat man sich gerade wieder daran erinnert, dass Erfurt mal einen Hafen bekommen sollte, um an den Mittelland-Kanal angeschlossen zu werden. Mitten im Erfurter Zentrum ist eine Seilbahn zum Petersberg angedacht, und vielleicht folgt dann - wie in Leipzig - noch eine U-Bahn mit nur zwei Stationen: Fischmarkt und Domplatz.
Erfurt wächst und wächst und wächst. Man sieht das nicht direkt, es ist eher ein Gefühl. Ich habe es selbst an der Krämerbrücke ausprobiert und sie ganz lange angeschaut. Über eine Stunde, aber sie ist kein biss-chen auseinandergegangen. Eine Stadt ist kein Hefeteig! Aber man muss sie genauso liebevoll zubereiten. Und ich glaube, dass das ohne Berlin und Leipzig viel besser funktioniert. Darum bleiben wir lieber bei uns in Thüringen - und dann sagen wir, wie es wirklich ist. Verkünden wir zusammen die Wahrheit, was die Mietpreise und den Coolness-Faktor betrifft. Stellen wir gemeinsam fest: Erfurt ist das neue Jena!
"Und Weimar?", mag die eine oder der andere fragen, "Was ist mit Weimar?" Weimar wird eingemeindet. Und wenn es nicht will, wird Weimar eben das neue Bitterfeld. Auch dort halten kaum noch Züge. Aber das ist wirklich ein anderes Thema.


Internet:

www.kudi.de


Wort: André Kudernatsch / Bild: ELC