Kudernatschs Kolumne

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Haar-akiri!


Wieso wird eigentlich Rebellion immer über Haare ausgetragen? Mal sind es die Langhaarigen, die ihre Fettloden schütteln. Mal sind es die Kahlgeschorenen, auf deren Glatze sich keine Locke mehr wickelt. Dann sind es bei jungen wie alten Damen rote, grüne und blaue Strähnchen in genau dieser Reihenfolge. Und bei den Herren folgen einrasierte Muster, die vom Fußball bis zum Stern reichen.
Egal, vom Headbanger bis zur Schmalztolle, vom Irokesen bis zum Popperschwanz, die Aussage lautet immer: "Seht her, ich bin anders als die ander'n und tu' alles unterwandern!" So geht das seit Jahrzehnten - seit den Pilzköpfen der Beatles und dem haarigen Musical "Hair".
Ich verstehe diese große Haarigkeit gar nicht. Wir sind doch keine Affen mehr! Aber das mag an meinen eigenen Haaren liegen. Sie sind dünn und kleben eher an meinem Kopf dran. Darum hat mein Kumpel Tom passend erkannt, dass ich die Frisur einer toten Taube habe. Das ist gewissermaßen auch schon wieder eine Rebellion, denn wer rennt außer mir noch so herum? Keiner!
Den neuesten Trend, der bald schon wieder endet, kennt jeder: Es ist der Hipster, der einen Dutt und einen Vollbart trägt. Er rebelliert also mit einer Mischung aus Oma und Weihnachtsmann. Demnächst trägt man wahrscheinlich Schnauzbart und Zöpfe wie die alten Wikinger. Das wäre dann ein Mix aus Horst Lichter und Pippi Langstrumpf. Dabei gibt es eigentlich nur drei, denen so ein Schnauzbart steht: Das sind der Detektiv Thomas Magnum, der Kabarettist Gunter Böhnke und der gemeine Seehund.
Doch die haarige Revolution endet nicht auf dem Kopf, sie rutscht weiter nach unten. Achselhaare werden mal entfernt oder mal gedüngt, auf dass sie buschig sprießen, um sie anschließend neonfarben anzumalen. So passiert bei Lady Gaga.
Und es geht noch heiter weiter - bis hin zur Intimfrisur, wobei mich dank einer Frauenzeitschrift eine Rasur besonders beeindruckt: die einstreifige Landebahn. Das Mädel, das sich dazu noch eine blinkende Weihnachtsbaumkette links und rechts der Bahn einpflanzen lässt, erweckt die perfekte Illusion eines Flugplatzes. Wer will da nicht Sportflieger sein?
Sparen wir die unteren Bereiche aus, es lesen Kinder mit! Bleiben wir bei der Kopfarbeit. Denn wer leistet sie? Wer profitiert von den wechselnden Trends? Wer macht uns die Haare schön? Es ist der Friseur. Er steckt dahinter mit Schere und Rasierer, mit Lockenstab und Kamm, mit Trockenhaube und Föhn. Er versorgt die Frisuren mit Konturen und lenkt damit längst die Geschicke der Geschichte. Zwar tarnt er sich mit harmlosen Namen wie "Rundhairum" oder "Kamm in", wenn nicht sogar "HairCoolness" oder "Cut'ze". Und seine Mitarbeiter, nennen wir sie die "Abschnittsbevollmächtigen", heißen unauffällig Peggy, Maggy oder Freddy.
Aber mich kann man nicht länger täuschen. Die Revolution frisst ihre Kinder, und der Friseur hübscht sie vorher auf! Längst hat dieser harmlose Beruf eine politische Dimension erreicht. Die stille Übernahme läuft. Denn wer weiß wirklich alles? Wo laufen die neuesten Informationen auf? Wer kann Gerüchte und Klatsch geschickt streuen? Der Friseur!
Deshalb sagt am besten gar nichts beim nächsten Haareschneiden! Hört einfach nur zu und sperrt die Ohren gut auf! So lange sie Euch der Friseur noch nicht abgeschnitten hat! Das kommt als nächstes - direkt vor Haar-akiri!


Internet:

www.kudi.de


Wort: André Kudernatsch / Bild: PF