Wein zum Essen
Kudernatschs Kolumne

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Wie ich fast beklaut wurde


Das "Zwiesel" in Erfurt ist eine gefährliche Kneipe. Fast bin ich dort bestohlen worden. An einem Freitagabend bei vollem Haus wäre es beinahe geschehen. Wir saßen eingepfercht zu viert da, Rücken an Rücken mit den Leuten an den Tischen um uns herum. Ich spürte den Hauch einer Bewegung an meiner rechten Seite und fasste in meine offene Manteltasche. Da, meine Geldbörse lag falsch herum in ihr! Erschrocken zog ich sie hervor, klappte sie auf und sah wenig beziehungsweise weniger. Ein Fünfzig-Euro-Schein, der im hinteren Fach gesteckt hatte, war weg.
Brenda, Daggi und Kay plauderten munter, ich war fassungslos. Irgendwer am Tisch sprach mich an, ich reagierte nicht. So bekam Brenda mit, dass etwas nicht stimmte. "Was ist los mit dir?" "Nichts, nichts", wiegelte ich ab und schaute mich um. Brenda quatschte weiter mit Daggi und Kay, während ich den Typen schräg hinter mir ins Visier nahm. Ein dünnes Bürschchen mit Brille und Vollbart, das krampfhaft bemüht war, nicht in meine Richtung zu gucken. Das Bürschchen schaute starr auf die dicken Mädchen vor sich. Der Typ war abgebrüht, er ließ sich nichts anmerken. Er hockte nur 30 Zentimeter von meinem Ellenbogen entfernt. Was konnte ich unternehmen? Ihn höflich ansprechen? So lief das nicht. Das wusste ich aus einigen Filmen, die ich gesehen hatte. Ich wollte ihm den Ellbogen ins Gesicht rammen - genau in die Brille rein - in der Bewegung aufspringen und seinen beschissenen Schädel auf den Tisch donnern. Und dann, mit diesem blutigen Klumpen, mit dem könnte ich reden! Entweder er würde seine blöde Bommelmütze, die auf dem Tisch lag, lüften und mir den Fuffi, der darunter versteckt war, kleinlaut überreichen. Oder er würde - falls er ihn schon in sein eigenes Portemonnaie verfrachtet hatte - dieses ängstlich zücken und ihn brav zurückgeben.
"Was ist? Was hast du?", Brenda hakte nach. Sie kannte mich gut. Ich schnaufte und erklärte ihr die Situation. Flüsternd, damit der Typ hinter mir nichts mitbekam. Daggi und Kay spitzten die Ohren - und Daggi fand einen Typen, der bei Brenda saß, viel verdächtiger. Während wir unauffällig berieten, bezahlten der Brillenbart und seine dicken Mädels und gingen. Ich hatte meine Superchance verpasst. Sollte ich hinterherrennen und ihn draußen aufmischen? Brenda schüttelte den Kopf. Sie sprach mit sanfter Stimme: "Guck erstmal zu Hause nach. Bestimmt hast du den Fünfziger gar nicht mitgenommen!"
Zu Hause suchte ich dann überall nach dem Geld. Auf keiner Kommode, auf keinem Tischchen, in keinem Sessel lag es. Ich fasste in meine hintere rechte Hosentasche. Denn ich spürte den Hauch einer Bewegung. So wie man ihn nach drei Frustbieren spüren kann. Da war er, mein Fünfzig-Euro-Schein! "Siehst du, hab ich doch gesagt", frohlockte Brenda und fand, dass eine Erklärung bei Daggi und Kay fällig wäre. Das fand ich nicht. Es war ja denkbar, dass der Typ mit dem Bart und der Brille mich verarschen wollte. Er hatte blitzschnell meine Geldbörse aus der Jackentasche gezogen, den Schein herausgefischt, ihn anschließend in meine Arschtasche gestopft und die Börse zurück in die Jacke geschoben! Triumphierend präsentierte ich Brenda diesen Ablauf. Sie zeigte mir einen Vogel. Das beeindruckte mich nicht. Ich wusste jetzt, was geschehen war und wie ich fast beklaut worden wäre.


Kudernatsch liest "Ich hab's im Hermsdorfer Kreuz":

17.02. Kölleda, Stadtbibliothek
01.03. Gera, Stadtbibliothek
17.03. Zella-Mehlis, Stadtbibliothek


Internet:

www.kudi.de


Wort: André Kudernatsch / Bild: ELC