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Kudernatschs Kolumne

Poller-Alarm!


Erfurt ist schöner geworden. Denn die Landeshauptstadt hat eine neue "Begegnungszone". So heißt das offiziell. Den stadtplanerischen Genies sei Dank! Mit nur einem Poller haben sie gleich zwei Sackgassen aus einer der wichtigsten Straßen vom Domplatz in die Altstadt gemacht. Die Meister-Eckehart-Straße ist mittendrin in zwei Teile geteilt, die sich für Autofahrer nicht mehr verbinden lassen. Nur noch für Quads und Motorräder, die am Poller vorbeibrausen. Und für Radfahrer und Fußgänger, die hurtig weitereilen.
Das ist die neue Begegnungszone, die sich die Stadt ausgedacht hat. Für Autos von Touristen, deren Navigationssysteme leider nicht auf Poller geeicht sind und die trotzdem in ihre Hotels möchten. Für Autos von Eltern, die ihre Kinder ins Ratsgymnasium direkt am Poller ausliefern. Für Autos von Samstags-Shoppern aus Sömmerda und Nordhausen, die nach all den Land-eiern Hunger auf Großstadt haben. Die einen wollen rein, die anderen schon wieder raus - und so rollt die Blechlawine oder rollt sie auch nicht von der Paulstraße in die Meister-Eckehart-Straße und retour. Man sieht nicht, ob sie sich überhaupt bewegt, bei all dem entstehenden Smog.
Die Anwohner können zwar nicht mehr lüften, aber sie erleben mehr Wendeverkehr. Das ist Verkehrsberuhigung im Vorwärts-, Rückwärts- und Kriechgang. Mit viel Potenzial: Falls die Altstadt mal brennt, werden sich am Poller all die Anwohner begegnen, die in ihren Fahrzeugen schnell weg möchten, mit der Feuerwehr, die Einlass begehrt. Aber es heißt ja nicht Fluchtzone, sondern Begegnungszone.
Eine alternative Strecke gibt es leider nicht. Ortsfremde, die dann doch eine kilometerlange Umfahrung über Domplatz und Theater entdeckt haben, landen schließlich am Eingang der Regierungsstraße vor einer Baustelle. Wobei an dieser Baustelle gar nicht gebaut wird, aber das ist eine andere Geschichte. Überraschend ist auf dieser Umfahrung am Rande der Altstadt viel mehr los als je zuvor, obwohl sie gar nicht zur Sonderzone veredelt wurde.
Das alles hat nun einer auszubaden, der gar nichts dafür kann, der Poller in der Meister-Eckehart-Straße. Die Polizei hat ihn liebevoll "Paul" getauft, wahrscheinlich weil die Beamten "Eckehart" nicht schreiben können. "Paul" wurde schon mehrfach umgetreten, umgefahren, weggeworfen und gedemütigt. Aber "Paul" ist unschuldig. Er ist nur eine Eisenhülse, die viel lieber ein sinnvolles Geländer oder Teil eines Zooparkgeheges geworden wäre! Die Geschichte des Pollers ist generell eine Geschichte der Missverständnisse: Er soll beruhigen, doch er regt auf. Er soll Probleme lösen, doch er schafft welche. Er soll Menschen glücklich machen, doch das gilt nur für Radfahrer und Fußgänger.
Hilfreich möchte ich vorschlagen, das arme Eisen zu entfernen - und stattdessen Ein-Euro-Jobber in weiß-roten Overalls als "Human Poller" in der Meister-Eckehart-Straße einzusetzen. Oder Lokalpolitiker, die für einige Leute ohnehin Vollpfosten sind. Ich persönlich glaube das nicht, denn Eisen ist härter.
Die "Human Poller" könnten mit den Autofahrern reden und ihnen alles erklären und den Einsichtigen sogar die Umfahrung beschreiben. In Ausnahmefällen würden sie sich flach auf die Straße legen - und Fahrzeuge einfach passieren lassen. Das wäre so entspannend und ein bisschen wie früher.


Internet:

www.kudi.de


Wort: André Kudernatsch / Bild: ELC