Wein zum Essen
Kudernatschs Kolumne

Kudernatschs Kolumne

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Hochsauber in die Innenstadt


Nette und adrette Kinder fuhren in Weimar im Bus zum Belvedere. Sie waren wie Erwachsene angezogen und benahmen sich so. Nur ein Mädchen zickte herum: "Ich will nicht neben Tamino sitzen. Der ist doof!" Worauf die Lehrerin erwiderte: "Hab dich nicht so, Freia! Setz dich rüber zu Phöbe!" Tamino war es egal, er schaute aus dem Fenster. Obwohl bloß Weimar zu sehen war. Kinder dieser Stadt heißen so: Tamino, Freia, Phöbe. Damit entsteht in einem harmlosen Stadtlinienbus eine Gemengelage aus Mozart, Germanen und griechischer Mythologie. Das ist ein kruder Mix, den man höchstens aus Marvel-Comic-Verfilmungen kennt mit Thor, Captain America und Wonder Woman. Weimar macht's möglich. Wehe, das Kind heißt Andreas oder Julia! Da kann die Familie gleich wegziehen. Bloß nicht nach Jena-Lobeda - dort wohnen die Problemkinder, die den Taminos und Phöbes und eigentlich allen auf die Fresse hauen.
Da bringe ich beinahe Verständnis für einen Autofahrer in Erfurt auf, der einen riesigen Aufkleber auf seiner Heckscheibe spazieren fuhr: "Keine doofen Bälger mit bescheuerten Namen an Bord". Dazu guckte der Mann fies, als ich ihn überholte. Was daran liegen könnte, dass er in der Nase bohrte und dabei irgendwie nicht glücklich wurde. Möglicherweise steckte sein Finger fest und wartete darauf, befreit zu werden. Ich nahm Abstand davon, den ADAC zu rufen. Viele Autofahrer begeben sich derart auf Erkundung. Das Auto scheint regelrecht zum Popeln einzuladen. Selbst wenn es keine getönten Scheiben hat und sämtliche Verkehrsteilnehmer rundherum deutlich sehen, was da geschieht und wie der Verbleib der Probebohrung geregelt wird.
Viele kennen die Unterscheidung zwischen Schmierpopel und Schnipspopel. Für die Ahnungslosen sei hier kurz erwähnt: Ein Schmierpopel im Auto wird entweder unter das Handschuhfach oder den Beifahrersitz geschmiert. Ein Schnipspopel wiederum wird in den Fahrgastraum geschnipst. Selbstverständlich funktioniert Schnipsen gut ohne Popel und wird beim Melden in der Schule benutzt, wenn ein Schüler dringend die korrekte Antwort loswerden möchte. Mit Popel am Finger wird er nie drangenommen.
Bleiben wir beim Verkehr! Da droht eine strenge Umwelt-Plakette. Nach der grünen ist es die blaue. Nur hochsauber darf man in die Innenstädte einfahren. Nichts darf mehr verschmutzt werden. Die City ist fortan besenrein und fein. Darum ist unbedingt darauf zu achten, dass die Autos mit verschlossenen Scheiben in die blauen Zonen einfahren, dass keine Schmier- und Schnipspopel in die sauberen Oasen der Zukunft geraten. Wer es schafft, sechs Monate lang im Auto nicht in der Nase zu bohren, erhält die goldene Plakette und über-all freie Fahrt. Es sei denn, er hat abstoßende Aufkleber am Heck. Das ist optische Verschmutzung und gehört verboten. Und wer einen bescheuerten Namen trägt, wird ebenfalls nicht in die blauen Zonen eingelassen. Ich stehe als Kudernatsch am Schlagbaum und kontrolliere, ob Freia, Tamino und Phöbe es versuchen und Einlass begehren. Nicht bei mir! Ob sie popeln oder nicht - mit so einem Vornamen mag man sich in Weimar im Kreis drehen. Doch fährst Du, liebe Leserin, lieber Leser, mit Deiner goldenen Plakette vor, lächle ich, poliere Dir die ohnehin glänzenden Scheiben und lasse Dich voller Freude ein.


Kudernatsch live erleben:

17.03. Zella-Mehlis, Stadt- und Kreisbibliothek
04.04. Jena, Ernst-Abbe-Bücherei
21.04. Apolda, Kulturzentrum Schloss


Internet:

www.kudi.de


Wort: André Kudernatsch / Bild: ELC