Wein zum Essen
Kudernatschs Kolumne

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Bei der Seniorengymnastik


Die Linie 4 fährt in unserer Stadt bis zum Hauptfriedhof - da bleiben einige gleich sitzen. Wer sich die finale Einrückfahrt aufsparen möchte, geht zum Seniorensport. Ich tue das auch, obwohl ich gar kein Senior bin. "Frieda, Gerda, auf geht's!", kommandiert die Oma neben mir und funkelt mich böse an. "Neben mir ist die Frau Tucharsky und nicht so ein Fremder!", knurrt sie. Und als ich nach meinem Handtuch greife, tritt sie heimlich gegen meine Matte. "Seit 15 Jahren", fügt sie hinzu. Ich lächle. Ich habe mir vorgenommen, bei der Seniorengymnastik nichts zu sagen. Ich will nur turnen und zuhören. "Sie waren noch nicht oft hier", stellt Gerda Tucharsky fest, als sie endlich eintrudelt. Ich lächle.
18 ältere Damen und Herren und ich in einem Raum, der höchstens für zehn geeignet ist, turnen auf Matten die herrlichsten Verrenkungen. Wir sehen alle gleich aus: Kurze Haare, kämpferische Gesichter, verblichene Sportklamotten. Gut zwölf der älteren Damen gehören zu den "Mo-Mi-Dos". Das ist eine Gruppe, die montags, mittwochs und donnerstags an den Kursen teilnimmt. Lauter Profis also - und biegsam wie Gummipuppen. Dagegen bin ich ein Brett. Wenigstens eins, das in der Mitte ein Scharnier hat. Ich bin sowas wie eine Starterklappe.
"Tief in den Rücken atmen", weist uns die Therapeutin an, "den Bauchnabel zur Wirbelsäule ziehen!" "Da ist er noch vom letzten Mal", ruft Herr Müller und alle lachen. Obwohl Herr Müller das in jeder Woche ruft. Seniorensport ist eben etwas Verlässliches. Auch wenn wir aufstehen und die Arme baumeln lassen sollen, kommentiert Herr Müller das jedes Mal: "Wenn ich damit zu Hause anfange, sagt meine Frau: Häng nicht so rum." Wieder lachen alle, weil Herr Müller so lustig ist. Wenn die Therapeutin fragt, was wir zur Erwärmung machen wollen, wir könnten etwas spielen, schlägt Herr Müller "Mau Mau" vor. Alle lachen. Wenn wir die Turnschuhe vor dem Betreten der Matte ausziehen, sagt Herr Müller: "Ich habe heute Golfsocken an - 18 Löcher." Die Gruppe lacht sich schlapp. Ein paar der Damen schnappen nach Luft. Herr Müller ist der Hammer! Er will wissen, wann wir mit unseren Verrenkungen im Zirkus auftreten. Das Publikum kann nicht mehr, eine der Damen verlässt den Raum.
Als wir wild mit den Armen kreisen, knarrt etwas bei Frieda. Hastig klärt sie auf: "Das bin ich nicht, das ist das Parkett." Wieder wird gelacht. Nur Herr Müller lacht nicht mit. Das mit den kernigen Sprüchen ist sein Part. "Noch zehn!", gibt die Therapeutin vor. Wir müssen noch zehn Sekunden lang den linken Arm und das rechte Bein ausstrecken und damit kleine Bewegungen machen. Wenn sie nicht da ist, übernimmt ein Kollege, und der sagt: "Noch zehn …", lässt eine Pause und fügt hinzu: "… Minuten." Ein Gag, der zuverlässig funktioniert, sogar bei Herrn Müller. Herr Müller überlässt dem Kollegen das Feld. Der ist witziger und jünger und lässt uns Ballspiele in zwei Gruppen spielen, die er "Erfurt" und "Jena" nennt. Ich bin bei "Erfurt". "Jena" gewinnt 5:1. "Wie im wahren Leben", freut sich der Kollege, der aus Jena kommt.
Das ist Seniorensport. Wer eine künstliche Hüfte hat, muss nicht alle Übungen mitmachen. Da reichen die leichten, bekömmlichen - bis hin zum Dehnen. Und damit verabschiede ich mich mit einem einfachen "Sport frei".


Kudernatsch live erleben:

21.04. Apolda, Kulturzentrum Schloss
12.05. Suhl, Ehemaliges Gewerkschaftshaus (Suhler Lesenacht)


Internet:

www.kudi.de


Wort: André Kudernatsch / Bild: ELC