Wein zum Essen
Kudernatschs Kolumne

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Sing-Sang-Sensibelchen


Es irrlichtern zuhauf heulsusige Jungmänner herum, die in den Wind winseln, dass alles grau ist, die Welt zu retten wäre oder auf welchem Weg sie gerade unterwegs sind und auf welchem Holzweg noch dazu. Dünnbrüstchen erzeugt Dünnstimmchen, was in MP3-Qualität aber keiner merkt. Also haut das ordentlich Scharten in die Charts - bis alle mitweinen. Wahrscheinlich motiviert dieser Erfolg Schauspielerchen (Schweighöfer) und Schauspieler (Liefers), eine Runde mitzujaulen. Wer holt mehr raus aus der Tränendrüse, bei wem tropft es mehr?
Wobei es mich persönlich tieftraurig stimmt, dass der gestandene Jan-Josef-Börne-Liefers mit seiner Band Radio Dingsbums diesem Liedchenwahn erlegen ist. In seinem neuesten Lied muss er von seinen Fehlern singen, die ihm die Angebetete doch alle geschwind verzeihen mag. So ungefähr verläuft der säuselige Text: "Jeder meiner Fehler/tut mir schrecklich leid/Und wenn Du drauf bestehst/trag ich ab morgen Kleid!" Muss Liefers die versammelten Sing-Sang-Sensibelchen auch noch auf dem Schmusespur-Standstreifen außen überholen? Er will wohl seine Fluse abhaben vom großen Kuschel-Muschel-Puschel!
Da frage ich mich, ob es keine Männer mehr mit Eiern in der Hose gibt und wieso ihnen der stattdessen vorhandene Eiersalat nicht längst die Beine heruntertropft? Wo sind die, die laut schreien "Sexy", die, die nicht singen können und trotzdem grölen: "Wann ist ein Mann ein Mann?" Oder die fordern: "Immer mitten in die Fresse rein!" Bitte kommt wieder, ihr Mariusse, Herberts und Ärzte! So geht es nicht weiter! Überlasst das Meer der Popmusik bitte nicht den Heulbojen! Versenkt sie in den Tiefen der Ozeane!
Es ist doch schon betrübt genug in Deutschland im grauen Herbst voller Moll. Denken wir nur an d-Moll, was in Noten a-f-d ergibt! Geben wir uns stattdessen motiviert und kämpferisch und brüllen wir "Tage wie diese" von den Toten Hosen! Wobei das auch nicht mehr geht. Denn ausgerechnet in diesen Tagen hat mir ein Freund erklärt, dass der Scheinbarde Campino in Wahrheit aus ganz reichem Elternhaus stammt und nie ein echter Punk gewesen ist - sondern ein Stinkreicher, der sich bloß verkleidet hat. Darum kann er sich alles erlauben - es ist ja alles bezahlt. Omamäßig stellt sich die finale Frage: Bleibt am Ende nur der erlösende Blick zurück in eine Zeit, als die schöne Wassilissa in sowjetischen Märchenfilmen durch die Wälder streifte und auf Knopfdruck all die Waldschrats, Hexen und kostümierten Eichhörnchen hinter den Bäumen hervorsprangen und der holden Maid ein Lied trällerten? Nein!
Musikalische Abhilfe schafft eine Radioshow, die es so im MDR-Sendegebiet nicht gibt und niemals geben wird, wohl aber beim Sender Bayern 1: Jeden ersten Sonntagabend im Monat funkt dort Thomas Gottschalk (ja, der Gottschalk!), was er will: von AC/DC bis ZZ Top - und dazu redet er, was ihm gerade einfällt. Das hat Format oder eben gerade keins! Endlich scheppern die Boxen wieder - und es wird mal nicht gegreint. Stattdessen röhrt der Schweinerock aus der guten alten Zeit: Sweet, Status Quo, Cleerdence Clearwater Revival und vieles mehr. Mit Eiern und ohne Eiersalat, hartgekocht ohne Weichspüler, fett statt dünn! All die guten Rumpel-Kumpel sind zurück. Also rocken und nicht bocken! Am 5. November gibt es die nächste Gelegenheit: Ab 19 Uhr Bayern 1 hören und sich erlösen lassen!


Kudernatsch liest:

19.10. Hildburghausen, Historisches Rathaus
22.10. Holzhausen, Bratwurstmuseum
24.10. Eisenberg, Stadtbibliothek / 27.10. Sonneberg, Stadtbibliothek


Internet:

www.kudi.de


Wort: André Kudernatsch / Bild: ELC