Leserreisen
Kloster de Leyre

Kloster de Leyre

Navarra im Norden Spaniens

Die Fiesta der Sanmiguelada


Alljährlich zieht es Mitte Juli Zehntausende eine Woche lang zum Stiertreiben in die Altstadt von Pamplona. Die Fiesta de Sanfermines endet blutig - für die Stiere in jedem Fall, die anschließend in den Auslagen der lokale Fleischer landen. Nicht selten aber auch für die Zuschauer in den engen Gassen entlang der 839 Meter langen Corrida zur Stierkampfarena. In seinem Buch "Fiesta" setzte der amerikanische Romancier Ernest Hemingway der stolzen Kapitale von Navarra ein literarisches Denkmal.
Die Einwohner feiern ihn dafür auf vielfältige Weise: Das Hotel "La Perla", wo er bei seinen Besuchen nächtigte, mit Spitzenpreisen. Hemingways Zimmer ist auf Jahre im Voraus bestellt und kostet 3.000 Euro die Nacht. Vor der Stierkampfarena erinnert eine Büste und im Café Iruña lümmelt er wie einst an der Theke: In Bronze, dafür ausnahmsweise mal nicht betrunken. Die mittelalterlich geprägte Altstadt von Pamplona weiß jedoch auch mit ihrer Kathedrale und dem pittoresken Rathaus zu punkten. Bei Sonnenuntergang kann man das Treiben vor dem barocken Verwaltungsbau von der gegenüberliegenden Bar "El Vallado" aus beobachten, wo einem der freundliche Kellner den kräftigen Kaffee für einen Euro serviert.

Das Rathaus von Pamplona

Das Rathaus von Pamplona

Fahrradtourismus in Navarra

Fahrradtourismus in Navarra

Ankunft der Schafherden im Morgengrauen zum der Fest der Sanmiguelada

Ankunft der Schafherden im Morgengrauen


Blutige Stierkämpfe faszinierten Hemingway, der Mitteleuropäer begegnet ihnen hingegen eher mit Distanz. Im September wartet Navarra mit einem weiteren "tierischen" Fest auf, und das ganz ohne Tote. Auch hier reichen die Traditionen Jahrhunderte zurück: Das einstige Königreich erstreckt sich von den Höhen der Pyrenäen an der Grenze zu Frankreich bis zu den bizarren Bárdenas Reales im Süden. Im Sommerhalbjahr lassen die Schäfer ihre Tiere auf den satten Wiesen der Hochgebirgstäler grasen. Dort betreiben die Herden zugleich Landschaftspflege. Die Einnahmen aus Käse, Fleisch oder der Wolle reichen längst nicht mehr zum Überleben aus, zumal 90 Prozent der weltweiten Schafwolle aus China kommen.
Die Schäfer, allein im Pyrenäental Roncal sind es noch 15, erhalten daher Zahlungen vom Staat und der EU. Was in den Wäldern der Lausitz die Wölfe, das ist hier der Bär: Frühmorgens schaut der Schafhirte Fernando Otal (39) gen Himmel: Kreisen dort die Geier, dann hat er wieder eines seiner Tiere erwischt. Sein Hund bewacht nun das verendete Tier und schützt es vor den Aasfressern. Nach Stunden kommt ein Vertreter der Behörde, denn dem Hirten steht eine Ausgleichszahlung zu. Obwohl Fernando das Geld gut brauchen kann, sind ihm die Bären doch ein Dorn im Auge. Schließlich sind seine Schafe für ihn wie seine Kinder. Darüber hinaus geben die weiblichen Tiere bei Stress keine Milch. Trotzdem will er bei seinem Beruf bleiben: "In der Fabrik käme ich mir wie ein Gefangener vor!"

Ochagavia - Kleinstadt in den Pyrenäen

Ochagavia - Kleinstadt in den Pyrenäen

Kloster de la Oliva

Kloster de la Oliva

Volksfestatmosphäre in Carcastillo

Volksfestatmosphäre in Carcastillo

In den Pyrenäen

In den Pyrenäen


Im Unterschied zu den Alpen ist die touristische Erschließung der Pyrenäen eher verhalten. Die Schafhirten leben auf ihren Höfen vielfach ohne Anbindung an das Stromnetz. Die entlegenen Orte leiden unter der Abwanderung von Jugendlichen. Auch auf den Wanderwegen treten sich die Touristen kaum gegenseitig auf die Füße. Zwei Fern-Wanderwege kreuzen sich im Tal von Roncal: Während der GR 11 die Pyrenäen vom Golf zum Mittelmeer quert, folgt der GR 13 Cañada Real de los Roncaleses den uralten Weidewegen der Schäfer nach Süden. Unterwegs stößt der Wanderer auf historische Orte und romantische Klöster wie das Monasterio de Leire oder das Monasterio de La Oliva. Er passiert gänzlich verschiedene Landschaftsformen und Klimazonen.
Wenn im Frühherbst in den Pyrenäen die ersten Fröste einsetzen, treiben die Hirten ihre Herden weit in den Süden der Provinz hinab. Dort, in den königlichen Bárdenas, dürfen sie ihre Tiere bis heute auf königlichen Grund weiden lassen. Hatten doch die tapferen Schäfer dem König einst gegen die Mauren zur Seite gestanden. Ganz neu ist dieses Privileg nicht, es stammt aus dem Jahr 882. Nun wären die Schafhirten keine echten Spanier, wenn sie das jährliche Ereignis der Transhumanz - hierzulande würde man es als Almabtrieb bezeichnen - nicht feierlich begehen würden. Die Tradition der "Sanmiguelada" wird inzwischen sogar staatlicherseits gefördert.

Herberge für Pilger des Jakobsweges in Pamplona

Herberge für Pilger des Jakobsweges in Pamplona

Tapas-Bar in Pamplona

Tapas-Bar in Pamplona

In Navarra wurde dem Schäfer ein Denkmal errichtet

In Navarra wurde dem Schäfer ein Denkmal errichtet


Jeweils zum 18. September treffen unweit des kleinen Städtchens Carcastillo die riesigen Herden mit Abertausenden von Schafen aus den Pyrenäentälern ein. Fünf Tage waren sie nun unterwegs und werden hier von den Einheimischen und mehr und mehr auch von Touristen empfangen. Wo sonst auf der Welt hätte man dem Schäfer als "Pastor Bardenero" ein eigenes Denkmal gewidmet?
Der Ort Carcastillo liegt direkt in der Region der Bárdenas Reales in der südlichen Ebro-Senke von Navarra. Im Jahr 2000 erklärte die UNESCO die eigentümliche Halbwüste zum Biosphären-Reservat. Die sehr trockene Bárdena Blanca lädt zu einer 34 Kilometer langen Rundfahrt ein. Überwiegend handelt es sich um eine Schotterpiste, die der Tourist weder zu Fuß noch mit dem Geländewagen verlassen darf. In der atemberaubenden Landschaft fühlt man sich buchstäblich auf einen fernen Planeten versetzt. Was Wunder, dass die amerikanische Fantasy-Fernsehserie "Game of Thrones" hier gedreht wurde? Ebenso kennt der Fernsehzuschauer die Bárdenas aus dem James Bond-Thriller "Die Welt ist nicht genug". Und auch Autofirmen drehen hier gern ihre Werbefilme. In bizarren Formen ragen hier die Überreste der Sedimente eines urzeitlichen Meeres aus der Ebene. Geformt wurde das Naturwunder durch die Kräfte von Wind und Wasser. Die besten Ausblicke auf den Naturpark eröffnen sich von der Anhöhe Alto de Aguileras.
Am Abend herrscht in den kleinen Gassen von Carcastillo Volksfeststimmung. Zur Fiesta wird ganz traditionell Migas gereicht: Ein frittiertes Brot mit Speck, dazu Chistorra, also Würstchen, sowie Rotwein. Die Buden des Marktes bieten leckeren Schinken, Käse und Kunsthandwerk an, Blaskapellen ziehen durch die Stadt.

Wort / Bild: Uwe Schieferdecker


Im Nationalpark Bardenas

Im Nationalpark Bardenas